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Zerlegung
der Farbe als Eröffnung sinnlicher Offenbarung
Dr.
Renate Wiehager über Günter Scharein
Vor jeder Thematik, jenseits von Bedeutung und Werkexegese ist
da zunächst einmal die Farbe und das Bild als Reagensfläche.
Der Betrachter muss mit seiner ganzen Erfahrung, seiner Sinnlichkeit
und Spiritualität auf diese Bilder antworten, oder sie werden
verschlossen bleiben. Dies gilt insbesondere für die drei-
oder mehrteiligen 'Altarbilder’ Schareins: Sie entfalten
um sich einen begriffslosen, farbatmosphärisch aufgeladenen
Raum, welcher den Betrachter an den kultischen Ursprung von Kunst
zurückführt. Für Scharein gilt, was Werner Spies
einmal im Blick auf die lyrisch-abstrakte Malerei der 1960er Jahre
formuliert hat: "Die Lyrisch-Abstrakten wie Rothko haben
sich vielleicht stärker als vorhergehenden Künstler
von aller Auftragskunst, von aller polyvalenten Verwendung von
Kunst losgesagt. Einerseits tilgten sie aus ihren Arbeiten jeden
objektiven Hinweis auf Realität und Interpretation, andererseits
forderten sie vom Betrachter – an Stelle von Lektüre
und Bedeutung – eine dem Bild adäquate Einstimmung."
(W.S., FAZ, 12. Mai 1971.)
"Ein Bild lebt dank seiner Umgebung, es wächst und
lebt im Geiste des sensiblen Betrachters."
Auch dieser Imperativ Mark Rothkos kann für die Haltung des
Malers Scharein herangezogen werden. Am liebsten führt er
den Besucher oder Freund – eben nicht den anonymen 'Betrachter'
oder 'Ausstellungsbesucher' – in seinem Wohnatelier vor
seine Bilder und choreographiert Emotion und Erfahrungsraum, die
sich im Dreieck Bild, Besucher, Künstler ergeben. Dann aber,
nach langer Zeit des Sehens und "Einstimmens", kann
er auch mit Verve und Passion über die tage-, wochen- und
monatelangen Prozeduren der Bildentstehung sprechen; die quasi
wissenschaftliche Analyse der Grundfarben Rot, Blau, Grün
und Gelb, die minutiöse Abwägung der punktförmigen
Übergänge und Nachbarschaften, nicht zuletzt und vor
allem die exakte Dramatik der Lichtführung. Schareins über
Jahre in Farbzyklen langsam – man möchte vor dem Hintergrund
unserer in sekundenschnelle Informationseinheiten zerfallenden
Welt sagen: quälend langsam – sich entwickelnden Bilder
kennen ja keine eigentlichen Variationen. Scharein entwickelt
sein extrem reduziertes Inventar – vier Farben und Punktraster
– über Nuancen der Lichtdramaturgie.
So erscheint in der großen Serie der blauen Bilder das Licht
als Emanation spiritueller Energie aus dem Dunkel heraus, während
die aktuelle Serie der gelben Bilder die Lichthaltigkeit der Farbe
selbst emotional bedeutsam werden lässt. Diese konsequente
Reduktion als Basis der Bilder Schareins ist es, welche für
den kunstgeschichtlich versierten Besucher im Atelier des Künstlers
zugleich Momente der Farbgestaltung in der abendländischen
Malerei in Erinnerung ruft.
Ein großer kunstgeschichtlicher Bogen …
Die Geschichte der Farbe seit dem 16. Jahrhundert ist zunächst
und vor allem eine spannende Geschichte erbitterten Streits und
ideologischer Positionsbestimmungen. Leonardo setzt dem mittelalterlichen
System der absoluten Farbe das Prinzip der Helldunkelmodellierung
entgegen, welche fließende Übergänge zwischen
Farben und Bildplänen schafft. Gleichzeitig ist seine Art
der Farbmodellierung aus dem Helldunkelgehalt der Farben ein Angriff
auf das Gesetz der "Primärfarbentrias" als linear
bestimmtes koloristisches Ordnungssystem, das seine Zeitgenossen
Rafael, Correggio oder Tizian verteidigen.
Aus der Forderung nach optischer Naturwahrscheinlichkeit der Figuren
und Dinge leitet das 18. Jahrhundert ab, dass das Betrachten von
Bildern nicht länger in der Identifizierung des Gegenstandes
aufgeht, sondern das aktuelle Erlebnis des Sehens, das ‚Sehen
des Sehens’ die Bildbetrachtung bestimmt und leitet.
Die Radikalisierung dieser Entwicklung leistet bekanntlich der
Impressionismus, insofern die Farbe nun zur Auflösung, ja
bisweilen zur Auslöschung der Dingwelt eingesetzt wird.
Aus dieser Dingauflösung im Impressionismus entwickelt sich
der Streit zwischen Cloisonnisten und Pointillisten, der vielleicht
die schärfste Gegensätzlichkeit der Farbgeschichte entfaltet.
Denn nun ging es nicht mehr nur um Farbe oder Linie, um die Farbe
als Material und Bildwirklichkeit, sondern um zwei konkurrierende
Wirklichkeitsauffassungen, die auch theoretisch erörtert
wurden.
Für den Cloisonnismus repräsentiert die Farbe im Bild
eine symbolische Wirklichkeit, die allem Augenschein vorweg geht
und den ideellen Status des Bildes umfasst. Die Pointillisten
hingegen wenden sich der Frage zu, welche Fähigkeiten uns
subjektiv und physiologisch zur Anschauung von Farbe befähigen.
Den Symbolgehalt der Cloisonisten, der hinter dem Bild aufzufinden
sei, kontern die Pointillisten mit der naturwissenschaftlich gestützten
Erkenntnis, dass das Bild ein Faktum des menschlichen Auges ist.
Zugleich reflektiert das pointillistische Punktraster eines Seurat
oder Signac den Einfluß des Mediums Fotografie, vor allem
jene körnigen, mineralischen Schwarzweißrasterungen
in den frühen Fotografien eines William H. Fox Talbot oder
Charles Nègre.
Der Einbruch der Naturwissenschaft in die künstlerische Theorie
und Praxis um 1880 ist massiv. 1881 war das wegweisende "Textbuch
der Farbe" des amerikanischen Physikers Ogdon Rood ins Französische
übersetzt worden. Die Pointillisten nahmen Roods theoretischen
Vorschlag einer gleichmäßigen Verteilung von Farbpunkten
auf der Bildfläche auf, die sich im Auge gegenseitig steigern
und zu einer "optischen Mischung auf der Retina" verdichten
würden. Eine weitere wichtige Neuerung des Pointillismus
ist die Übertragung des von dem Chemiker Michel Eugène
Chevreul aufgestellten Gesetzes der Simultankontraste der Farben
auf die Malerei. Dies besagt, dass zwei benachbarte Farben aufeinander
einwirken: sie beeinflussen sich, gleichzeitig wahrgenommen, im
Tonwert bzw. im Helligkeits- oder Dunkelwert. Benachbart gesetzte
komplementäre Farben – rot und grün, orange und
blau, gelb und violett – steigern sich wechselweise in ihrer
Intensität.
Die Zerlegung der Farbe zur Erziehung des Auges, die Nutzung fotografischer
Prozesse und Strukturen, Simultan- und Komplementärkontrast,
nicht zuletzt der Rückzug der künstlerischen Handschrift
hinter die Malmittel und Instrumente, die nun ganz sich selbst
aussprechen: das alles sind Momente, die der Malerei eine neue
erkenntnis- und geisteswissenschaftliche Basis gegeben haben,
die weit in das 20. Jahrhundert ausgestrahlt hat. Wenngleich Seurat
keine eigentlichen 'Schüler' gehabt hat, wirkt die Auseinandersetzung
der Moderne mit seiner künstlerischen Haltung und Methode
in verschiedenen wegweisenden Entwicklungen nach: In den reduzierten
Formalismen der Pariser Gruppe "Abstraction-Création"
und in einigen Tendenzen des Bauhauses, in der prismatischen Flächenkunst
Feiningers und im archaisch-strengen Menschenbild Schlemmers.
Eine analytische, 'divisionistische' Farbzerlegung wird dann nach
1945 noch einmal programmatisch in den Punkte- und Rasterbildern
der 1960er Jahre (Almir Mavignier, Herbert Oehm, Gerhard von Graevenitz).
Bis in die Gegenwart hinein kann man das obsessive Füllen
großer Leinwände mit feinsten Punkt- und Strichrastern
verfolgen in den Bildern von Hafif, Riley, Gonschior oder Max
Cole– und natürlich Günter Scharein.
…und die Rückwendung zu unserem Gegenstand
Mit meinem gedanklichen Weg von Leonardo zu Bridget Riley habe
ich einen denkbar weiten kulturgeschichtlichen Bogen beschrieben.
Aber es ist doch ein Qualitätsmerkmal künstlerischen
Denkens und künstlerischer Praxis – hier eine Qualität
des Werkes von Scharein –, wenn wir als Betrachter nicht
umstandslos auf den Nachvollzug von Inhalten und Techniken, von
psychologischen Dispositionen und eindimensionalen Botschaften
gelenkt werden. Meine weiträumige Annäherung an das
Werk steht allerdings auch in schärfstem Gegensatz zu dem
meines Erachtens gewichtigsten Text über Scharein, den Eberhard
Roters, der 1994 verstorbene, langjährige Leiter der Berlinischen
Galerie, 1991 für den Katalog zu Schareins Einzelausstellung
in Heidenheim und Berlin verfasst hat.
Roters hebt mit einem über mehrere Seiten fort entwickelten
sprachlichen Nachvollzug von Bildaufbau und Farbgestaltung in
Schareins großem Triptychon "Hommage à Meister
Mathis" an und lässt dies in einen genauen Vergleich
des Grünewald’schen Vorbilds mit dem aktuellem Werk
münden. Im gewissen Sinne spiegelt diese kunsthistorische
Vorgehensweise die Erfahrung jedes Betrachters: die schiere farbige
Präsenz, der Detailfanatismus und der Entzug gegenständlicher
oder formaler Anhaltspunkte überwältigen uns und schließen
zunächst einmal jeden Raum für eine distanziertere Reflexion
aus. Man möchte sagen, dass die pure Farbintensität
dieser Bilder den Betrachter argumentativ regelrecht 'entwaffnet'.
Bevor aber Scharein diese spirituell und emotional aufgeladene,
pure Strahlkraft der Farbe erreichen konnte, musste ein Exertitium
der Analyse von Form und Farbe durchlaufen werden.
Um 1968, also schon im Vorfeld seines Studiums als Kunsterzieher
an den Hochschulen Hamburg, Saarbrücken und Berlin bei den
Künstlern Seitz, Holweck oder Gecelli, setzt Scharein bei
einem streng seriell aufgebauten, auf Schwarzweißkontraste
reduzierten Bildkonzept an.
Vorbilder hierfür konnte er sowohl in der Konkreten Kunst
der 1940er Jahre, wie auch beim frühen Vasarely der 1950er
Jahre, bei den Vertretern der internationalen ZERO Bewegung aus
der Zeit um 1960 und der etwas später aufkommenden Op-art
finden. Scharein geht vom Quadrat als variablem Grundmodul aus
und setzt dies durch Verschiebungen des Schwarz-Weiß-Kontrastes
oder durch plastische Modifikationen optisch in Bewegung. Im weiteren
Verlauf verselbständigt sich der zunehmend artistische Umgang
mit der modularen Quadratform in ornamental-barocken Bildreliefs,
die weiter zu verfolgen für den Künstler keinen neuen
Erkenntniswert versprach.
Die Rasterstruktur des fotografischen Bildes, hatte die Ausrichtung
des Pointillsmus auf den Akt des Sehens, auf die Entstehung des
Bildes auf der Netzhaut, ganz wesentlich angeregt. Scharein unterzieht
die Technik des Siebdrucks einer Belastungsprobe mit seiner Frage:
Bis zu welchem Grad kann eine ‚divisionistische’ Auflösung
des Bildes betrieben werden, ohne doch den Zusammenklang der Siebdruckpunkte
zu einem farbigen Gesamtklang im Bild aufzugeben?
Scharein nutzt den Siebdruck nicht zur Herstellung von Auflagengraphik,
sondern schafft Unikate (als "Öl auf Weichfaserplatte"
technisch klassifiziert), in welchen mit alchemistischer Gründlichkeit
und im Verlauf hunderter Druckvorgänge die Solidität
der Farbform atomistisch zerstäubt wird. Der Künstler,
schon ganz bei sich und auf der Höhe seines ihm eigenen analytischen
Manierismus, entwickelt eine minutiös kontrollierte, horizontal
und vertikal verlaufende Streifentechnik. Diese verwebt die Grundfarben
Gelb, Rot, Grün und Blau zu einem dichten, unzerreissbaren
Bildplan. Der Betrachter ist aus der Distanz von einer rhythmisch
an- und abschwellenden Farbbewegung fasziniert, die mit einer
Mikrostruktur aus tausenden dünnen oder breiteren farbigen
Strichen verblüfft. Zugleich aber, wiederum aus einiger Entfernung
gesehen, wird die Vorstellungskraft zu einem inhaltlichen Sehen
verleitet, welches körperhafte Amplituden, aufsteigende Farbnebel,
flirrende Lichtgitter oder musikalische Schwingungsraster assoziiert.
Dass solcher Art inhaltsbezogene Assoziationen auch dem Werk nicht
fremd sind, belegen Bilder mit Titeln wie "Turm zu Babylon",
"Familienbild" oder "Feiningers Kathedrale"
von 1978, welches aus einem Streifenverlauf von Grün über
Rot nach Gelb die gläsernen, prismatischen Architekturen
des Bauhausmeisters umrisshaft aufscheinen lässt.
Die Gemälde. Spirituelle Sphären und kunsthistorische
Referenzen
Im gleichen Jahr 1978 wechselt Scharein von der Siebdrucktechnik,
die trotz aller Nuancierung doch immer einen sehr flächenbezogenen
Charakter behält, zu Pinselarbeiten (technisch als "Öl
auf Hartschaumplatte" benannt), mit welchen die Tiefenräumlichkeit
der Farbe in neuer Qualität ausgelotet werden kann. Die Strichtechnik
der Siebdrucke wird zunächst weitergeführt, wechselnd
auf einem horizontal oder vertikal verlaufenden Streifenraster
aufbauend. Eine zusammenhängende Serie von um 1985 entstehenden
Bildern ist aus dem Komplementärkontrast Rot – Blau
heraus entwickelt und entfacht über die kinetisch anmutende
Verschränkung der Farben ein abstraktes, gewitterhaft bengalisches
Leuchten. Das Rot kann im Bildgeviert sich verbreiten wie ein
körperhaftes Scheinwerferlicht, das aus dem Irgendwo kommend
im dunklen Blau des Alls – als Inbild von Sehnsucht und
Harmonie – sich verliert ("Innenrot-Gehockt",
1986). Es kann aber auch als Nachglühen aus einem phantasierten
Erdinneren heraus, nur mehr als verlöschende farbige Energie
aus den dominant blauen Streifen heraus schimmern ("Aufleuchtendes
Rot", 1985).
Parallel dazu entstehen die eher monochrom konzipierten Malereien,
in denen nun auch das bis heute weiter entwickelte Punktraster
die vorherige Streifentechnik ablöst. Wie im Siebdruckverfahren
entstehen die Bilder durch Überlagerung mehrerer punktförmiger
Farbabläufe. Jeder dieser Abläufe ist aus vielen hundert
einzelnen Farbtönen und Tausenden einzelner Punkte zusammengesetzt.
So bestimmt etwa in dem Bild "Liegendes Blau" ein Kobaltblau
den Grundton, das durch Abmischungen nach Coelinblau und Helioblau
hin als Farbform im Bild in schwebende Bewegung gerät. Auf
den Grundton eines schwärzlichen Tiefblau Indigo gestimmt
ist der "Erste Versuch eines Altarbildes", 1979/81-82,
das den Auftakt gibt für eine ganze Serie von Triptychen.
Die sakral konnotierte Bildform des dreiteiligen Querformats hat
im Werk einen spirituell aufgeladenen Vorläufer in zwei Siebdrucktafeln
des Jahres 1978, "Duktus-Kreuz" und "Blaues Kreuz".
In beiden Arbeiten ist die unkonturiert aufscheinende Kreuzform
offensichtlich keine rational konzipierte Figur, sondern gleicht
einem Nachbild auf der Netzhaut, das vom Betrachter nur bei größter,
meditativ gestimmter Konzentration aufgerufen werden kann. Eine
ähnliche Betrachterhaltung fordert, diesmal allerdings auf
die Erinnerungskraft des Hörsinns gerichtet, das parallel
zum ersten "Altarbild" entstehende Triptychon "Auferstehungssymphonie,
4 Satz: Sehr feierlich, aber schlicht", 1979/81. Das Diptychon
"Kreuz und Schatten der Vergangenheit", 1982, lenkt
die Phantasie auf eine Koinzidenz von Atomschlag und letztem Widerschein
sakraler Symbolik.
Die von wissenschaftlicher Akribie geleiteten Farbrecherchen der
mittleren 1980er Jahre verbunden mit einer spirituellen Aufladung
über Bildtitel und motivische Anklänge kulminieren 1985
in dem über zwei Jahre bearbeiteten Triptychon "Hommage
à Meister Mathis". Mittels abstrakter auf- und absteigender
Farbbewegungen vollzieht Schareins Malerei die aufrührenden
und von einer expressiven Farbsymbolik getragenen Bildgeschehnisse
in Grünewalds Isenheimer Altarbild nach. Die sphärische
Abstrakheit und malerische Verdichtung des Themas ist noch einmal
gesteigert in dem auf die Trias Rot, Blau und Gelb gestimmten
Dreiflügelbild "Meister Mathis" von 1989. Weitere
signifikante Beispiele in diesem Kontext sind das blau monochrome
Bild "Kreuzbalken" von 1983, das an Caspar David Friedrichs
intim-monumentales "Kreuz im Gebirge" anschließt,
sowie der ganz auf Grünabstufungen reduzierte Siebdruck "Großer
Rousseau", 1981. Es ist eine Meditation über die naive
Malerei des Franzosen Henri Rousseau, dessen Dschungelphantasien
bis zu 50 unterschiedliche Grüntöne einsetzen.
Das in den zwei Versionen von "Meister Mathis" 1985/89
erstmals als Farbe eigenen Werts auftauchende Gelb fordert die
gesammelten Erfahrungen des Malers Scharein seit Mitte der 1990er
Jahre heraus. Der Künstler lässt verschiedene Tonabstufungen
des Gelbs in schwärzliche Schatten hinein spielen, in einem
sonnenhaften Orange kulminieren oder in nach Weiß tendierenden
Randzonen sich verlieren. Scharein bezeichnet das Gelb als eine
"Angst-Farbe", da die hochgelben Farbtöne nicht
die geringsten Fehler beim Abtönen verzeihen würden.
Die "Sinfonie in Gelb" ist das bisher größte
Werk des Künstlers, 202 x 750 cm messend und sich über
fünf Tafeln erstreckend. Scharein spricht von einer "musikalischen
Sinfonie", welche in der Regel auch aus drei bis fünf
Sätzen bestehe. "Meine 'Sinfonie in Gelb' entwickelte
sich aus drei großen Sätzen: irdisch, schwebend, aufsteigend
– verbunden durch zwei kleine Intermezzi. Die Lichtfarbe
Gelb soll in ihrer geballten Energie nahezu körperlich wahrgenommen
werden, ihre anschaulichen Qualitäten beim Betrachter Assoziationen
und Emotionen hervorrufen."
Seit
den frühen 1990er Jahren bis heute führt Scharein die
Thematik des "Altarbildes" mit großen chromatischen
Etüden fort, deren Lichtenergien aus einem tiefblauen Nocturno
oder einem melancholisch angereicherten Sonnengelb in den Raum
des Betrachters ausstrahlen. Die Konsequenz und der große
Atem dieser Bilder rücken die Kunst Schareins nun in die
Nähe der monumental gedachten, spirituellen monochromen Bildkonzepte
von Künstlern wie Rothko, Barnett Newman oder Ad Reinhard.
Letzterer spricht ein ‚ökumenisches Sehen’ mit
Variationen schwarzer Dunkelheit im streng quadratischen Bildformat
an. Barnett Newman hatte seine Idee des Erhabenen mit das Bild
durchschneidenden Vertikalen artikuliert, die wie schmale Einfallstore
göttlichen Lichtes die großflächige Geometrie
des Bildes öffnen. "Das Bild, das wir zustande bringen",
sagt Newman, "ist selbstverständliche Offenbarung, es
ist real und konkret."
Vermeers Perlen und die Entstehung des Alls aus einem Punkt
Wenn ich in meinem Bildgedächtnis die abendländische
Malerei nach den schönsten 'Stellen' durchforste, dann zählt
für mich zu den frühen Höhepunkten der Befreiung
der Farbe das Reflexlicht in den Bildern Vermeers. Schon die gemalten
Räume Vermeers sind von einem farbhaltigen, bläulichen
oder grünlichen Licht, erfüllt, das von den Lokalfarben
der Dinge auszustrahlen scheint und sich zu einem koloristischen
Chiaroscuro verdichtet. Diese Lokalfarben selbst sind wieder in
Lichtwerte verwandelt, indem ihre Stofflichkeit sich in irisierende
Farbkörper auflöst, die sich aus punktkleinen Reflexen
zusammensetzen. Solche 'pointillistischen' Lichtperlen finden
sich auf weiß oder silbrig grau leuchtendem Schmuck, auf
blauer Majolika oder gelbem Samt und sie sind wie ein ferner Gruß
an die Reduktionisten unter den Farbtheoretikern des 20. Jahrhunderts.
Von den Lichtpunkten Vermeers, in denen sich Geheimnis abendländischer
Malerei kondensieren kann, trägt mich meine Phantasie zu
dem unglaublichen Faktum, dass sich das All aus einem Punkt heraus
entwickelt hat. "Wer kann sich schon vorstellen",
so die nonchalante Kurzfassung des Münchner Astrophysikers
Wolfgang Lersch, "wie das Universum kurz nach dem Urknall
ausgesehen hat? Es war extrem klein, der Astrophysiker nennt eine
Kleinheit von 10 hoch minus 33 Zentimeter, es war extrem heiß,
10 hoch 32 Grad Kelvin, und es herrschte eine unvorstellbare Dichte.
Hinzu kommt noch, dass dieses heiße Stadium äußerst
kurz war, man spricht von 10 hoch minus 44 Sekunden. Also, das
kriegt kein menschliches Vorstellungsvermögen mehr auf die
Reihe." (SWR2, Aula, 15.1.2006) Viel ist über das exponentielle,
die emotionale Deutungskraft des Betrachters anfachende Assoziationsspektrum
der Bilder Schareins gesprochen und geschrieben worden. In diesem
weitesten Raum, zwischen den gemalten Lichtpunkten Vermeers und
dem aller Anschauung vorausgehenden Punkt der Weltentstehung würde
ich es ansiedeln.

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