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PUNKTE
Interview mit Günter Scharein am 14.10.2006 in Berlin
Herr Scharein, Sie haben mit Ihrer Malerei – um es zugespitzt
auszudrücken – Ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes
auf den Punkt gebracht. Wie kommt man auf so was?
Das ist natürlich kein bewusster Akt gewesen. Auf den Punkt
bin ich gekommen durch permanentes Reduzieren. Wirklich. Das war
aber nur der eine Teil des Prozesses. Der andere Teil ist bei
mir immer eine hohe Komplexität gewesen. Alles, was real,
was wahr, was wirklich ist, setzt sich doch aus vielen Teilen
zusammen, aus unterschiedlichen Aspekten. Und da hab ich gesagt:
Du kannst das zwar reduzieren bis auf einen Punkt, aber das Bild,
das aus solchen Punkten entsteht, sollte sich immer aus der Vielfältigkeit
heraus entwickelt haben.
Hört sich kompliziert an, sieht aber ganz einfach aus.
Sieht ganz einfach aus, das ist wahr. Aber wenn man näher
rangeht an meine Bilder und immer näher rangeht, dann sieht
man plötzlich: Das sind ja nicht zwei, drei Farben, das sind
ganz viele Farben. Und das ist nicht nur eine Farbfläche,
sondern es geht immer auch in die Tiefe.
Lassen Sie uns versuchen herauszufinden, wie weit dieser Schaffensprozess
Ihr Leben wiedergibt. Geboren sind Sie am 27. April 1949 in Bassum,
einem niedersächsischen Städtchen in der Nähe von
Bremen. Was war Ihr Vater? Was machte Ihre Mutter? Wo kamen sie
her?
Mein Vater und meine Mutter waren beide Flüchtlinge. Bassum
war ein in sich geschlossener Ort der Ruhe und des Friedens mit
7.000 Einwohnern, bevor der Zweite Weltkrieg kam – und erst
im Krieg kamen wirklich neue Leute dazu, nämlich die Flüchtlinge.
Und da gehörten meine Eltern mit dazu. Meine Mutter stammt
aus Schlesien. Aus der Nähe von Königsberg kam mein
Vater. Da kommt der Name Scharein auch her.
Als Flüchtlingskind waren Sie in dieser Kleinstadt natürlich
ein Außenseiter?
Ja, und zwar aus zwei Gründen. Erstens als Flüchtlingskind
und zweitens weil wir vier Kinder waren. Das war auch in dieser
Zeit nicht so unbedingt "in". Viele Kinder, das bedeutete
schon damals ein etwas asoziales Image. Jedenfalls in diesem kleinen
Ort. Man war ja im Aufbruch, im Aufbau. Und dass sich Flüchtlinge,
die nichts hatten, dann auch noch vier Kinder leisteten, das war
geradezu unverschämt.
Ihr Vater war Ostpreuße. Was machte er beruflich?
Mein Vater ist Fotograf gewesen, eigentlich wollte er künstlerischer
Fotograf sein, was natürlich in einem Ort wie Bassum gar
nicht ging. Darunter hat er sehr gelitten, dass er mit seinen
künstlerischen Fotos nichts machen konnte.
Was hatte ihn denn ausgerechnet dorthin verschlagen?
Er war Soldat gewesen, hatte eine Verwundung und kam aus russischer
Kriegsgefangenschaft nach Bassum.
Hat er vom Krieg erzählt?
Nicht vom Krieg und nicht von seinem Zuhause. Der Krieg bedeutete
für ihn eine Art Imageverlust. Er ist von seiner Familie
weggegangen und hat gesagt: "Ich gehe nach Amerika und ich
hole euch und vor allem Mutter nach, wenn ich reich und berühmt
bin."
Und die haben ihm nachgetragen, dass er statt nach Amerika
auszuwandern nach Russland in den Krieg musste?
Ich weiß es nicht. Er hat nie von seiner Mutter erzählt,
er hat nie von seinen zwei Brüdern erzählt. Er kam aus
einer ganz einfachen Familie, von der wir aber erst nach seinem
Tode 1965 über Suchanzeigen des Roten Kreuzes erfahren haben.
Haben Sie Ihre Großeltern noch kennen gelernt?
Die Mutter ja, also meine Oma. Aber aufgewachsen bin ich ohne
Opa und Oma. Das war noch so ein Punkt, unter dem ich gelitten
habe. Die Bassumer hatten alle Omas und Opas. Und wenn es ihnen
schlecht ging, gingen sie zu Opa in den Garten. Und dann hat der
den Enkeln so hintenrum ein 50-Pfennig-Stück in die Hand
gedrückt und sie getröstet. Ich hatte keinen, zu dem
ich gehen konnte.
Von mütterlicher Seite auch nicht?
Mütterlicherseits war nur eine Halbschwester da, eine Schneiderin,
die meiner Mutter nach Bassum gefolgt war.
Kam Ihre Mutter nicht aus Schlesien? Wieso also ausgerechnet
Bassum?
Eigentlich wollte Mutter nach Südafrika. Das war ihr großer
Lebenstraum. Aber ihre Mutter hatte ihr das verboten, damals durfte
man bis zum 21. Lebensjahr das Land ja nur mit Unterschrift der
Erziehungsberechtigten verlassen. Da sie aber aus Schlesien weg
wollte, ist sie dann in Bassum gelandet.
Und dort entstand also die kinderreiche Familie Scharein.
Ja, drei Brüder in Folge innerhalb von zwei Jahren, danach
noch ein vierter, ein Nesthäkchen, der folgte nach einer
Pause von vier Jahren. Meine Mutter hatte eigentlich immer einen
Sohn und ein Mädel gewollt. Und nach dem ersten Sohn kam
ich, und mich hat sie so ein bisschen gepäppelt wie ein Mädel.
Sie war irgendwie sehr im Zwiespalt, warum der Herr ihr nicht
auch ein Mädchen schenkte, sondern immer nur Söhne.
Nach dem vierten hat sie dann gesagt: Jetzt reicht’s.
Üppig kann diese Kindheit nicht gewesen sein ...
Diese Zeit, die 50er Jahre, waren sehr schwierig, weil mein Vater
mit seinem Beruf nicht das große Geld verdiente. Wir lebten
auf sehr engem Raum, sechs Personen in einer 2-Zimmer-Wohnung.
Klar, wir waren Flüchtlinge, die von vorn anfingen. Die Schränke
waren Apfelsinenkisten.
Hatte Ihr Vater sich als Fotograf selbständig gemacht?
Ja, und das hieß, er hat Hochzeiten fotografiert, Kommunionen,
Konfirmationen – alles, was eben in so einem kleinen Ort
zu fotografieren ist. Vom Unfalltoten bis zum goldenen Hochzeitspaar,
von der Geburt bis zur Beerdigung.
Und Ihre Mutter?
Die durfte nicht arbeiten. Vater hat ihr das verboten. Das war
noch dieser typische sture Ostpreuße in ihm: "Ich kann
meine Familie ernähren. Und wenn ich vier Söhne habe,
dann ernähre ich diese vier Söhne. Das kann ich alleine."
Aber sie hatte doch auch einen Beruf?
Hutmacherin, den hat sie aber nur zuhause weiterbetrieben. Nicht
im Geschäft, sondern als Nebenverdienst. Und da hab ich eben
auch schon früh gelernt, was Material und Handwerk ist.
Von beiden Eltern haben Sie also künstlerische Anstöße
gekriegt.
Ich hab von meiner Mutter mitbekommen, wie aus einem flachen Stück
Filz – das ist ja wirklich einfach flach wie eine Pappe
– ein Hut wird. Durch Dämpfen, durch Ziehen, durch
Ich-weiß-nicht-was-alles, das war richtig mühevolle
Handarbeit. Und mein Vater hat mich – da ich der Einzige
war, der sich fürs Fotografieren interessierte – sehr
früh ins Fotogeschäft, zum Fotografieren und in die
Dunkelkammer mitgenommen. Er hat mir das Handwerk beigebracht,
vom Filmeentwickeln bis zum Abzügemachen, alles was dazugehört.
Und ich hab es geliebt.
Hat er Ihnen "nur" die technischen Dinge beigebracht
oder haben Sie auch Sehen gelernt?
Sehen. Das war ja das, was er nicht umsetzen durfte. Er hatte
künstlerische Fotos von unserer romanischen Stiftskirche
gemacht, die hat er nur mir gezeigt und gesagt: "Guck mal,
wie man auf Schnitte achten muss." Blickführung, goldener
Schnitt, wie man etwas ins Bild setzt, damit es wirklich gut platziert
ist. Wie man mit Schärfen, mit Tiefenschärfe und Unschärfen
den Blick des Betrachters auf den Punkt lenkt, den man ihm wirklich
zeigen will. Er sah in mir wohl einen Nachfolger für das
Geschäft, ich war auch der Einzige, der sich aktiv dafür
interessierte.
Was haben denn Ihre Brüder gemacht?
Mein älterer Bruder – das ist der Intelligenzbrocken,
der ist Hirnforscher geworden, Schmerzforscher im Klinikum Hamburg
– der konnte nicht verstehen, dass ich die besondere Zuwendung
meiner Mutter bekam. Ich hatte zu ihr eine sehr intensive Verbindung,
nicht zuletzt als Folge einer um mehrere Wochen übertragenen
Schwangerschaft und einer sehr schwierigen Geburt, die sehr gefährlich
war für uns beide. Sie musste mich pflegen, ich wurde im
ersten Jahr jeden Tag geölt, gestreichelt und massiert, damit
sich alles einigermaßen rundete, was ja auch gelang.
Und das hat Ihren Bruder eifersüchtig gemacht ...
Der hat gesehen, dass der Nachgeborene die Zuwendung kriegte,
die doch eigentlich ihm als Erstgeborenem zustehen würde.
Der war gegen mich. Und zwar ganz eindeutig. Das war eine harte
Schule. Und ich hab immer stillgehalten, wenn er mich piesackte.
Und dann ist er seinen Weg eben konsequent weitergegangen, hat
erst Psychologie studiert und ist dann in der Schmerzforschung
gelandet.
Haben Sie später darüber geredet?
Haben wir. Aber erst als wir beide auf die 40 zugingen, konnten
wir über diese komische Konkurrenzsituation reden, unter
der wir beide sehr gelitten hatten. Er unter dem Erstgeborenenkomplex
– wie wir das dann genannt haben –, ich unter dem
Zweitgeborenenkomplex. Ich wollte immer besser sein als er, obwohl
er ja fast zwei Jahre älter war.
Haben Sie sich dafür an den Jüngeren gerächt?
Die Jüngeren waren davon nicht betroffen. Wir haben einen
Automechaniker, das ist der Bruder nach mir, und einen, der sich
auf Computer spezialisiert hat, als Programmierer. Letztlich bin
ich das so genannte schwarze Schaf der Familie.
Sie waren also nicht nur in Bassum Außenseiter, sondern
auch in der Familie?
Überall. Auch in der Schule. Das ist so gewesen, weil ich
früh angefangen habe, meine Sachen für mich zu machen.
Ich hab mich immer zurückgezogen und hab gesagt, ich geh
zum Basteln. Ich habe die handwerklichen Berufe geliebt. Uns gegenüber
wohnte ein Schuster, dem hab ich gern zugeguckt, wie der Sohlen
macht und beschneidet, Schuhe näht und so etwas. Alles, was
mit Händen zu machen war, hat mich fasziniert. Ob ich in
der Schneiderei meiner Tante saß, im Fotolabor meines Vaters
oder beim Schuster gegenüber. Ich war immer da zu finden,
wo es was zu werkeln gab. Das fand ich toll.
Würden Sie heute sagen, dass damals schon Ihr künstlerischer
Prozess begann?
Ich wusste doch gar nicht, was ein Künstler ist. In Bassum
gab es das nicht. Da gab es nicht einmal einen freien Goldschmied.
Ins 30 Kilometer entfernte Bremen zu gehen war nicht möglich?
Das war auch eine Frage des Geldes. Wie sollten wir das finanzieren?
Mein Vater ist früh gestorben, 1965, da war ich 16 Jahre
alt. Er war erst 45. Das war eine sehr einschneidende Geschichte.
Zwei Winter in Russland hatten ihn kaputtgemacht.
War er lange krank gewesen?
Ja, ein, zwei Jahre hab ich damals mit 15, 16 seine Arbeit neben
der Schule übernommen, habe fotografiert auf Hochzeiten.
Furchtbar. Sie wissen genau, wo die Leute zu stehen haben, damit
der Türbogen exakt das Paar einrahmt. Das hatte mir mein
Vater alles beigebracht. Aber ich hatte das gar nicht als Lernen
wahrgenommen. Ich war halt immer neugierig.
Und? Haben Sie weitergemacht nach seinem Tode?
Fast fünf Jahre lang habe ich keine Kamera mehr angefasst.
Obwohl ich das Fotografieren geliebt habe. Aber diese Bauernhochzeiten
fand ich fürchterlich. Immer dieselben Gesellschaften auf
immer denselben Bauerndielen, 200 bis 300 Leute, von denen immer
die Hälfte dieselben sind, weil die alle über Ecken
miteinander verwandt sind. Und wenn Sie das als junger Mensch,
der Neues erleben will, ein bis zwei Jahre gemacht haben, dann
steht es Ihnen bis zur Nasenoberkante.
Und die Bauernkinder trafen Sie dann am nächsten Tag
in der Schule wieder?
Na ja, ab 1960 fuhr ich zum Gymnasium in die Kreisstadt nach Syke,
zehn Kilometer entfernt. Im Winter mit dem Bus, im Sommer mit
Rollschuhen oder mit dem Fahrrad. Dieses Gymnasium befand sich
noch im Aufbau und bestand nur aus Kindern aus der Oberschicht,
wie ich es empfand. Bauernlümmel waren nur ganz wenige darunter,
die Kinder der Großbauern. Ansonsten nur die Advokatenkinder,
die Arztkinder, die Pastorenkinder. Alle aus reichem Hause, Sprösslinge
von Studierten. Ein Klassenlehrer, der mich sehr mochte, sagte
mir einmal: "Scharein, ihr seid wirklich in der Minderheit,
es gibt an diesem Gymnasium nicht mal fünf Prozent Arbeiterkinder."
Fühlten Sie sich fehl am Platz?
Ich hab mich damals geschämt, wie meine Mutter zum Elternsprechtag
kam, weil sie eben wirklich auffiel. Als Frau durch ihr Äußeres
mit ihrem alten Mantel, vor allem aber als sozial schwach mit
ihren vier Kindern. Die anderen kamen zum Elternsprechtag mit
ihrem Auto vorgefahren, meine Mutter fuhr mit dem Zug. Da hab
ich immer gedacht: "Oh Gott, oh Gott!" Das war furchtbar
für mich. Später habe ich ihr gesagt, dass ich das bitter
bereut habe. Aber ich habe damals als Kind darunter gelitten,
diese Position zu haben.
Wurden Sie geschnitten?
Wir waren sozial gebrandmarkt.
Und dann waren Sie vermutlich auch noch der Kleinste?
Ja, ich bin ja nur 1,62 groß. Das hat mir in meiner Jugend
sehr zu schaffen gemacht. Damals war ja auch klar, dass Männer
keine Frauen haben sollten, die größer waren als sie.
Das war bei mir aber fast immer anders.
Womit haben Sie sich gegen Ihre Außenseiterposition
gewehrt?
Ich habe damals Geräteturnen als Leistungssport gemacht und
war sehr gut in Form, dazu gehörte nämlich auch Gewichtheben
und viel Konditionstraining. Ich glaube, ich hab nur deshalb so
intensiv Sport getrieben, um diesen anderen, die eben ein besseres
Zuhause hatten, wenigstens da überlegen zu sein. Deshalb
wollte ich immer der Erste sein, der am Seil oben war. Einmal
wollte auch ich auf dem obersten Podest stehen. Zumal ich auch
noch der Kleinste war und sonst immer hinten stehen musste. Und
ich wollte irgendwo mal vorn stehen.
Was haben Sie politisch in der Zeit mitgekriegt?
Oh, politisch war ich hoch interessiert, hoch engagiert. Wir reden
ja über die 60er Jahre. Geschichte hat mich fasziniert, vor
allem die Zusammenhänge hinter den bloßen Daten. Das
merkte auch mein Sporttrainer, mit dem ich Geräteturnen trainierte,
der war in der Kommunistischen Partei. "Schari", sagte
der, "komm doch mal zu uns, wir lesen immer im ‚Kapital‘
von Karl Marx und im ‚Manifest‘, besprechen und diskutieren
das." Da bin ich eine Zeit lang einmal die Woche zur kommunistischen
Parteisitzung nach Bremen auf dem Fahrrad hin und zurück
30 km gefahren, um gut präpariert mit denen Texte durchzusprechen,
diese ganze Mehrwert-Geschichte und alles. Das war für mich
faszinierend.
Sie wurden KP-Mitglied?
Ich bin nie in einen Verein eingetreten. Das war mir immer suspekt.
Irgendwann sagte einmal ein Geschichtslehrer: "Ach, da kommt
jetzt wieder unser Kommunist." Zu dem bin ich in der Pause
gegangen und habe gesagt: "Wissen Sie, ich bin das nicht.
Ich bin nicht in der Partei. Dass ich über den Mehrwert Bescheid
weiß, was Sie uns hier nicht beibringen wollen, das ist
sicherlich meine Sache. Das erzähl ich auch gern meinen Mitschülern.
Aber Kommunist bin ich nicht. Ich hab das nur gelesen."
Trotzdem: Zum Adenauer-Staat müssen Sie damals schon
ziemlich auf Distanz gewesen sein.
War ich auch. Aber ich hatte auch immer Distanz zu den Kommunisten.
Mich einfangen zu lassen von einer Idee, das ist nicht meine Sache.
Ich hielt zu beidem Abstand. Wichtig war mir aber, dass die Dinge
nicht einfach nur so sind, wie sie sind, sondern dass sie sogar
Ursachen haben. Das ist für mich dann auch in anderen Bereichen
wichtig geworden.
Gab es Lehrer, die Ihnen für die Zukunft etwas mitgegeben
haben?
Ja, ich hatte das Glück, eine Zeit lang einen Kunsterzieher
zu haben, der auch aktiver Künstler war. Und der hat mir
klargemacht, dass das ganz toll ist – Kunsterzieher zu sein
und freischaffender Künstler nebenbei: Sein Auto könne
er sich von den Nebeneinkünften leisten, darauf seien seine
Kollegen ganz schön eifersüchtig.
Der wurde zu einem Vorbild für Sie?
Der war ein Vorbild für mich, ja. Dass man malen und zugleich
ein Grundeinkommen haben kann, das fand ich toll. Das hatte auch
meiner Mutter gefallen, die mir sagte: "Junge, mach erst
mal etwas, womit du wirklich Geld verdienst. Also, wenn wir jetzt
hier schon die Oberschule und all das mühsam durchgemacht
haben, dann nutz das wenigstens und werde nicht Goldschmied. Das
kannst du immer noch machen." Deshalb bin ich überzeugter
Kunsterzieher geworden.
Haben Sie da von einer Künstlerkarriere zu träumen
begonnen?
Das war noch ganz, ganz fern. Weil ich, wie gesagt, kein Künstlerbild
hatte. An Ausstellungen habe ich nicht einmal gedacht. Galerien
kannte ich nicht. Das, was ich kannte, war das Überseemuseum
in Bremen.
Waren Sie nie in Worpswede? Das lag doch vor Ihrer Haustür.
Nur zu Besuch. Aber das war, als ich schon studiert habe. Nicht
vorher. Bis zu meinem 21. Lebensjahr wusste ich noch nicht einmal,
wer Max Bill ist. Obwohl Max Bill, als ich mich dann in Hamburg
bewarb, dort unterrichtete. Ich war, wenn man so will, eingesponnen
in mein Werkeln, und ich hatte nie den Gedanken, dass das etwas
Künstlerisches sei. Kunst war für mich, als ich sie
kennen lernte, etwas so Tolles, dass ich dachte: "Ach Gottchen,
das ist nichts für mich." Das war meine Grundhaltung.
Der Schwerpunkt in Ihrem Fach Kunsterziehung lag mehr auf
Erziehung als auf Kunst?
Nein, so nicht. Ich hab mich immer als Schüler-Begleiter
verstanden. Ich war immer nur Begleiter, erziehen wollte ich nie.
Die einzige Form der Erziehung ist, etwas authentisch vorzumachen.
Das war meine frühe Überzeugung, und das ist bis heute
so geblieben: begleiten, vormachen, zeigen, wirken lassen, selbst
entscheiden lassen.
In Hamburg haben Sie 1969 das Studium der Kunsterziehung begonnen.
Ich habe Kunsterziehung und Werkerziehung studiert. Es gab eine
Zeit lang in einigen Ländern die Möglichkeit, diese
Fächerkombination als Vollstudium zu betreiben.
Dieser Schritt raus aus Bassum und Syke an die Hochschule
in der Großstadt, um Kunst zu studieren – das muss
doch für Sie ein großer Bruch gewesen sein?
Der war sehr, sehr groß. Hamburg hat mich so fasziniert,
dass ich natürlich – wie das so üblich ist –
im zweiten Semester total abgeschmiert bin. In Bassum ist um 20
Uhr alles von der Straße, alle Jalousien runter, als hätten
sie nur Sparkassen als kleines Häuschen. Und dagegen Hamburg
– wenn man um zehn rausging, fing das Leben erst richtig
an. Ich war wie besoffen. Mir stand immer "Berlin Alexanderplatz"
vor Augen, als ich in Hamburg war: die Lichter, die Autos, die
Ampeln, und all das ganz grell und plötzlich, boah! In Bassum
gab es keine Ampeln.
Sie beschreiben das expressionistische Großstadtbild.
Ich hab das auch wirklich erlebt, so wie ich es als 17-Jähriger
in "Berlin Alexanderplatz" gelesen hatte. Genauso,
obwohl da viele Jahre dazwischenlagen.
Wo und wie haben Sie gewohnt?
Möbliert, das erste Jahr zur Untermiete bei einer alten Jungfer.
Die hatte einen Kleiderschrank in meinem kleinen Zimmer stehen,
da drin hingen ihre fünf Kleider. Und jeden Abend kam sie
zwischen halb und Viertel vor neun rein und flötete: "Ach,
Herr Scharein, ich will Sie ja nicht stören, aber ich muss
das Kleid für morgen rausholen." Ich wusste aber ganz
genau: Das war nur ein Kontrollgang. Denn im Untermietvertrag
stand: "Damenbesuch muss um 20 Uhr spätestens das Zimmer
verlassen." Das war schon sehr gewöhnungsbedürftig.
Das war doch aber schon nach 68 …
Genau. Und in die auslaufende Studentenbewegung bin ich wegen
dieses Zimmers damals etwas schräg reingekommen. Denn es
war natürlich unmöglich, in dieser 7-Quadratmeter-Bude
zu arbeiten. Also brauchte ich meinen Arbeitsplatz an der Hochschule.
Und eines Tages, im Winter 1969/70, wurde die bestreikt. Da hab
ich gesagt: "Leute, ich mach viel mit. Ich geh nicht ins
Seminar, alles in Ordnung. Ich bestreike alle Theorieveranstaltungen,
okay. Nur meinen Arbeitsplatz, den lasse ich mir nicht nehmen."
Und das haben die eingesehen?
Nee. Aber die Streikposten waren Hamburger aus der vornehmen Gesellschaft,
die kamen immer erst zwischen halb acht und acht. Ich war um halb
sieben im Haus, ich habe so in Ruhe arbeiten können.
Trotzdem haben Sie schon 1970 nach Saarbrücken gewechselt.
Ja, letztlich war es mir in Hamburg doch zu unruhig. Auch lockte
mich die "Bauhausgrundlehre" in Saarbrücken.
Ein Lehrer in Hamburg hatte sie empfohlen: "Herr Scharein,
da gibt es noch eine Grundlehre, die bringt Ihnen das Handwerk
bei. Gehen Sie da mal hin, das ist das Richtige. Sie sind so ein
systematischer Ran-Geher."
Aber Saarbrücken war doch ziemlich weit ab vom Schuss,
oder?
Tatsächlich haben mich alle Studienkollegen gefragt, was
ich in denn in Frankreich wolle. Das war wirklich 1970 in Hamburg
die Meinung: "Das Saarland liegt am Ende der Welt, ist französische
Provinz."
Bereut haben Sie es trotzdem nicht?
Ganz und gar nicht. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat
mir diese Grundlehre, die Oskar Holweck, ein recht anerkannter
Papierkünstler, vortrug, sehr viel gebracht. Ich habe nämlich
begriffen, dass – egal, was ich machen will – das
Wichtigste ist, erst einmal das Grundvokabular meines Handwerks
zu erlernen: Was sind Grauwerte? Was macht bei einem Gegenstand
das Volumen aus? Eben nicht die Farbtöne, sondern nur die
Hell-Dunkel-Abläufe.
Und zweitens?
In Saarbrücken hab ich Essen und Trinken gelernt. Ja, das
ist mir ganz wichtig. In Norddeutschland gab es keine Esskultur.
Es gibt die norddeutsche Küche, die hat aber mit Esskultur
nichts zu tun.
Kartoffeln gibt’s.
Richtig. Aber von Saarbrücken aus fuhr man eben über
die Landesgrenze in den nächsten großen französischen
Supermarkt. Und das war überwältigend. Ja, und das Essen
selbst, das war eben nicht nur Nahrungsaufnahme wie in Norddeutschland,
das war ein gesellschaftlicher Umgang, kochen und zusammen essen.
Das hat mich – muss ich sagen – wirklich geprägt.
Wie lange sind Sie in Saarbrücken geblieben?
Nur ein Jahr, dann bin ich zurück nach Hamburg. Aber die
Hamburger Art war mir dann auf Dauer doch zu dröge im Vergleich
mit dem Leben an der Saar, wo es locker und französisch zuging,
wo so etwas Mediterranes in der Luft lag. Dagegen das Klima an
der Hochschule in Hamburg, das geprägt war von den Abkömmlingen
der gediegenen Familien. Kinder, die schon hoch vermögend
waren und – weil sie nicht wussten, was sie tun sollten
– ein bisschen Architektur, Design oder eben Kunst studierten.
Das war eine ziemlich geschlossene Gesellschaft ...
Trotzdem habe ich noch mal versucht, in Hamburg Fuß zu fassen.
Doch Freunde haben zu mir gesagt: "Weißt du, Scharein,
wenn du mit den Hamburgern zusammenkommen willst, dann musst du
erst mal fünf bis sieben Jahre anstehen, dich rantasten und
antichambrieren. Aber dann, wenn du schließlich akzeptiert
bist, dann sind das ganz, ganz treue Freunde." Aber so viel
Zeit hatte ich nicht.
Also sind Sie nach Berlin gegangen.
Das war 1972. Der Leiter der Grundlehre in Hamburg, ein guter
Mann, hatte mir Berlin empfohlen. Dort habe ich es sehr schnell
als sehr, sehr angenehm und positiv empfunden, denn Berlin war
das Gegenteil von Hamburg. Hier hatten Sie keine zuverlässigen
Freunde, aber nach der ersten Zechtour Blutsfreunde, auch wenn
die das am nächsten Tag oft nicht mehr wussten. Aber das
war erst mal ein ganz, ganz anderes Klima als in Hamburg.
Das war an der HdK, der Hochschule der Künste in Westberlin?
Ja, und zwar in der Abteilung Kunsterziehung in der Grunewaldstraße
neben dem Gebäude, in dem der Alliierte Kontrollrat seinen
Sitz hatte, beim Kleist-Park. Ich fing an, mich mit Siebdruck
zu beschäftigen. Und da musste man sich die Werkstatt selbst
einrichten, das war ein kostspieliges Unterfangen. Also wollte
ich meinen Platz möglichst optimal nutzen und entwickelte
mich zu einem richtigen kleinen Arbeitstier. Morgens kam der Pförtner
manchmal später als ich. Eigentlich hätte er um sechs
Uhr aufmachen sollen, aber das schaffte er nicht immer. Ich stand
aber viertel nach sechs, halb sieben schon da und wartete, weil
ich die Tage, die ich in dieser Werkstatt hatte, voll ausnutzen
wollte.
Das ist doch kein Künstlerleben.
Noch einmal: Ich wollte nie Künstler werden, Ich wusste noch
immer nicht, was das sein soll. Ich war begeisterter Werker, ich
wollte was tun. Natürlich hat das mit normaler Vorstellung
von Künstlerleben null zu tun. Viele Semester lang war ich
an diesen Arbeitstagen nicht nur der Erste, sondern auch der Letzte.
Um neun Uhr abends hätte ich das Haus spätestens verlassen
müssen. Ich war aber mit einem Prof befreundet, der für
die Druckwerkstatt zuständig war. Der kam dann zwischen zwölf
und ein Uhr nachts und hat mich rausgeholt. Von morgens um sieben
bis Mitternacht arbeitete ich durch.
Sie reden immer von "werkeln", was nach Handwerk
klingt. Haben Sie denn während Ihrer Studienzeit kreativ
gar nichts geschaffen?
Mit Begriffen wie "kreativ", "Künstler"
und erst recht mit "Genie" hatte ich immer ganz große
persönliche Schwierigkeiten. Mittlerweile kann ich damit
etwas besser umgehen. Früher hab ich mir diese Frage gar
nicht gestellt. Also, im Nachhinein betrachtet war ich kreativ.
Mir war das aber damals gar nicht bewusst.
Wie sehen Sie heute Ihren damaligen Weg?
Dass ich während der Studienzeit bereits voll meinen Weg
dahin eingeschlagen hatte, wo ich jetzt bin, und zwar ganz eigenständig,
das ist mir heute natürlich klar. Ich musste damals gegen
meine Lehrer ankämpfen, denn das war in Berlin die Zeit der
so genannten Kritischen Realisten. Das heißt, wenn Sie sich
in Berlin beworben haben mit einer Mappe, und Sie hatten keine
Realismus- oder Naturalismusstudien da drin, sind Sie nicht angenommen
worden. Ich habe das ja auch beherrscht. Ich war nur schon weiter.
Was hat Sie davon abgebracht? Was hat diese Abwendung vom
Realistischen für Sie bedeutet?
Das ist, schon als ich 16, 17 Jahre alt war und in der Pubertät,
ein wunder Punkt für mich gewesen. Meine Mutter war ein hoch
emotionaler Mensch und ich habe diese volle Emotionalität
in jeder Form übernommen. In dieser Phase war es aber sehr
schwierig, meine Gefühle in meine Arbeit reinzulegen, denn
dann wurden sie auch von meinen Freunden erkannt.
Sie fühlten sich verletzbar?
Ja, extrem. Ich hatte ja schon genug damit zu tun, dass ich sozial
nicht wirklich in diese Gemeinschaft Bassum und in die Schülerschaft
in Syke eingegliedert war. Wenn es nun zusätzlich auch noch
an meine Emotionen ging, wenn die angesprochen und hinterfragt
wurden, dann war mir das schlichtweg zu viel. Das konnte ich nicht
ertragen.
Sie hatten Angst, zu viel von sich preiszugeben?
Ich war damals ein ganz Ruhiger, ein Verschlossener. Mein Privates
wollte ich eigentlich nicht rauslassen. Aber man hat es in meinen
Arbeiten immer gesehen. Da war alles ablesbar. Und so habe ich
mich – schrittchenweise ging das – vom Gegenständlichen
und Realistischen auf den Weg gemacht in die Abstraktion. Damit
man meine Emotionen nicht mehr ablesen kann.
Sie haben Jalousien vor Ihre Gefühlswelt gezogen.
Ja, und als ich sie zugezogen hatte, merkte ich plötzlich,
dass auch in dieser Begrenzung etwas ganz Interessantes steckte.
Aber Ihre Emotionen waren damit ja nicht weg …
Nein, die Emotionslosigkeit war nur scheinbar. Nehmen Sie die
Arbeiten von Max Bill. Der hat immer gesagt: Kunst ist wie Mathematik.
Wenn die Formel stimmt, stimmt das Bild. Ich hab ihn aber anders
erlebt – die letzte Entscheidung traf auch bei einem Max
Bill immer der Bauch. Und als ich das mitkriegte, dämmerte
mir: Auch ich will sie ja gar nicht ganz draußen haben,
meine Emotionen.
Haben Sie sich noch andere Vorbilder gesucht, die sich mit
dieser Problematik auseinandergesetzt haben?
Bewusst waren mir damals keine Vorbilder. Ich hatte auch, ganz
ehrlich, weiterhin viel zu wenig Kenntnis von dem, was läuft.
Haben Sie überhaupt geguckt, wie es andere machten, wo
Sie Anstöße kriegen konnten?
Mitte des Studiums, also nach fünf, sechs Semestern, hab
ich angefangen, mich nach Galerien in Berlin umzugucken, die gegenständliche
Kunst zeigen. Ich war angetan von dem, was es gab. Bis dahin hatte
ich mich überhaupt nicht darum gekümmert. Ich war in
meiner Arbeit drin, das hat mir genügt.
Es hätte doch eigentlich nähergelegen, dass Sie
sich für die Abstrakten interessieren?
Natürlich gab es diese expressive ungegenständliche
Malerei, expressive Abstraktion. Bei den Amerikanern fing das
an, in Deutschland wurde das dann übernommen. Das war aber
eine Entwicklung, die ich damals gar nicht mitbekam, erst später.
Das hat sich dann bis zu dieser Konzeptkunst gesteigert, deren
Gipfel es war, dass man im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu
sehen bekam. Und damit schlug es um. Die Leute sagten: "Jetzt
wird es wirklich schwachsinnig." Also wollte man wieder etwas
sehen, erkennen.
Und dann geht es natürlich ins andere Extrem.
Was sehr häufig passiert. Also, der Pendelschlag setzte ganz
weit oben mit Realismen in jeder Form wieder ein. Und da war ich
draußen. Da war ich nicht mehr dabei.
Sie passten da nicht rein?
Gar nicht. Ich wollte auch nirgendwo reinpassen.
Wie in Bassum, wie in der Schule. Nur dass Sie jetzt Ihre
Außenseiterrolle selbst herstellten.
Genau. Im Grunde genommen hab ich die Position, die ich in meiner
Kindheit und Jugend hatte, beibehalten wollen, ganz bewusst.
So haben Sie ja auch angefangen, mit diesen geometrischen
Formeln.
Ja. Ich habe mich erstmal emotional ganz rausgezogen, habe mich
darauf verlassen, dass die Geometrie eigene Gesetze hat. Später
habe ich diese Arbeiten "meine Schreibtischkunst"
genannt. Denn der eigentliche Akt – wenn wir jetzt von kreativem
Akt reden – war die Entwicklung des Gedankens am Schreibtisch.
Diesen Gedanken tatsächlich in Formeln umzusetzen, wie das
Max Bill sagte, und diese Formeln dann zu visualisieren, das hat
mich eine Zeit lang begeistert. Weil ich draußen war.
Das gab Ihnen Sicherheit?
Klar, ich konnte sagen: "Guck, das ist von mir, das hab
ich gemacht." Aber ich war da nicht wirklich drin. Ich konnte
also auch nirgendwo angegriffen werden. Wenn die Arbeit angegriffen
wurde, ging es gegen das Konzept, nicht gegen mich.
Das war also Jalousie pur.
Ja, das war Jalousie pur. Persönlich konnte ich nicht erreicht
werden. Ich konnte immer sagen: Das ist eine hervorragende Formel.
Aber es muss Ihnen doch auch was gefehlt haben?
In der ersten Zeit gar nicht. Erst mal ist Erleichterung da, doch
irgendwann fragt man sich, ob das nicht doch zu wenig ist. Es
fehlt das, was du absichtlich rausgelassen hast. Genau das fehlt.
Das Eigentliche.
Das Eigentliche. Und dann entstanden unwillkürlich Arbeiten,
wo sich das wieder einschlich. Nicht, dass ich es gewollt hätte.
Es schlich sich rein. Und dann stand ich vor den Ergebnissen und
musste mich fragen: "Will ich das wieder rausnehmen?"
Woran konnte man das sehen?
Meine Bilder entstanden nicht mehr theoretisch nach Formeln, sondern
ich begann, sie im Arbeitsrausch zu erarbeiten, im Prozess. Und
dann musste ich mich entscheiden: entweder konkrete Schweizer
Garde, Max Bill, Richard Paul Lohse und wer so dazugehörte,
oder eben tatsächlich einen eigenen Scharein-Weg zu gehen.
Wer nötigte Ihnen diese Entscheidung auf?
Natürlich begannen sofort die ersten Anfeindungen von außen,
Kollegen, Galeristen: "Ja was willst du denn?", fragten
sie. Fragte ich mich aber auch. "Wenn du Emotionen und Inhalte
zeigen willst, dann setz die so rein, dass die Leute das ablesen
können. Willst du aber da raus, dann halt es auch bitte raus
und halt deine Leinwand sauber."
Gab es eine öffentliche Auseinandersetzung über
Ihre Arbeit? Mit wem haben Sie überhaupt kommuniziert?
Da ich viel und sehr zurückgezogen gearbeitet habe, war die
Kommunikation sehr eingegrenzt. Ich gehörte auch nicht zu
denen, die ihre Arbeit permanent zeigen wollten. Ich war nicht
dieser "Hier, guck mal, ich habe was Neues gemacht"-Typ.
Aber zum Vorzeigen macht man das doch – oder?
Jein. Damals war das für mich ein Jein. Immer hatte ich wirklich
Angst vor dem Raustreten. Die Frage "Wird es gut genug sein?"
war für mich nie unerheblich. Ich habe mich eben nicht für
genial begabt gehalten. Ich hab im Studium Leute kennen gelernt,
die hatten eine Strichführung beim Zeichnen, da ist mir die
Kinnlade runtergeklappt. Aus den meisten ist übrigens nichts
geworden.
Und wer nicht "genial" war, brauchte gar nicht erst
anzutreten?
Sagen wir mal: besser nicht. Gerade, weil ich schon auf irgendeine
Art und Weise meinen Ehrgeiz hatte, hielt ich mich raus, solange
ich mir noch nicht ganz sicher war. Kann ich das zeigen? Ist das
genug? Funktioniert das? Dazu brauchte ich Stärkung von draußen.
Und das Erste, was kam, waren dann eben wirklich diese Diskussionen:
"Herr Scharein, Sie bewegen sich zwischen zwei Feldern.
Wissen Sie das? Sie sitzen auf zwei Stühlen. Auf welchem
wollen Sie eigentlich sitzen?"
Und Sie sagten: genau dazwischen.
Ja. Und das war schwierig. Das ging weder in diese Richtung noch
in jene wirklich als Programm. Deshalb wurde ich ja auch nie in
einer Programmgalerie aufgenommen. Meine Arbeit ist außerhalb
dieser Programme. Und das wollte ich eigentlich auch so.
Da sind Sie ja auch bis heute geblieben.
Mittlerweile bin ich natürlich froh darüber. Denn mit
Leuten, die mich von früher kennen, gibt es kaum noch Diskussionen
darüber, ob ich irgendetwas daran ändern will. Die wissen:
Man muss da mit mir nicht aus ökonomischen Gründen oder
aus markttechnischen drüber reden.
Sie haben ja in Edzard Reuter einen erfahrenen Marktfachmann
als Förderer. Hat der Ihnen nicht eine attraktive Verkaufsstrategie
nahegelegt?
Mit Edzard Reuter, den ich 1980 kennen lernte und der dann zu
einer Art Ziehvater für mich geworden ist, weil meiner ja
früh starb, habe ich oft darüber diskutiert. Er hat
immer gesagt: "Scharein, Sie sind zu teuer. Machen Sie das
doch einfacher, nicht so komplex, nicht so zeitaufwändig.
Dann können Sie mehr produzieren und preiswerter verkaufen,
und dann kommen Sie besser in den Markt und haben größere
Chancen."
Und? Hat er nicht recht gehabt?
Ja. Trotzdem hab ich gesagt: "Lieber Herr Reuter, ich will
das nicht. Ich will meine Bilder so herstellen, wie ich sie machen
will. Ich werde sie nicht im Geringsten ändern, nur weil
sie sich dann besser verkaufen." Im Grunde genommen war
das aber eine Verweigerungshaltung. Ich war dem Markt gegenüber
skeptisch. Ich hab auch Angst gehabt, dass ich da überhaupt
nichts zu suchen habe auf dem Markt. Dass ich durchfalle, weil
ich nicht gut genug dafür bin.
Sie haben den damaligen Daimler-Chef Reuter 1980 kennen gelernt,
als er Vorsitzender der Karl-Hofer-Gesellschaft war, die Ihnen
nach Ihrem Staatsexamen ein Stipendium gewährte.
Ihm gefiel meine Arbeit. Ich wusste gar nicht, wer er war. Das
hat mich damals auch nicht interessiert. Was Wirtschaft ist, wusste
ich nicht. Was ein Finanzchef ist bei einer Firma, die er als
mittelständisch bezeichnete, war mir unklar. Ich wusste auch
nicht, dass die Leute es komisch fanden, dass gerade ein Edzard
Reuter sich für meine Arbeiten interessierte. Den sollte
ich mir warmhalten, rieten sie mir, dem sollte ich mit meinen
Preisen entgegenkommen.
Sie kannten damals offenbar ziemlich vernünftige Leute.
Ich habe das Gegenteil getan, und er hat trotzdem die erste größere
Arbeit von mir gekauft. Ich wollte die erst nicht verkaufen. Deshalb
hat sie dann eben – ich weiß es noch genau –
statt 6.000 Mark, was die anderen gleicher Größe gekostet
hätten, 10.000 Mark gekostet. "Herr Reuter",
habe ich gesagt, "Sie haben ja gesehen, da ist kein Preis
dran, weil ich sie nicht hergeben wollte. Sie kriegen sie, aber
das ist mir nicht ganz lieb, und darum müssten Sie das schon
zahlen."
Und darauf hat er sich eingelassen?
Er fand das irgendwie auch ein bisschen überhöht, hat
es damals aber wohl als eine Art Stipendium für mich gesehen.
Später hat er mir gesagt, dass es ihm auf irgendeine Weise
imponiert habe. Und da fing es an – erst die Bekanntschaft
und dann über die vielen Jahre eben auch eine sehr, sehr
intensive Freundschaft.
Er wurde auch Ihr künstlerischer Mentor?
Er hat mich sofort als Gegenüber akzeptiert, als vollwertig.
Er war der Erste, mit dem ich mich über meine Kunst ganz,
ganz intensiv auf hohem Niveau sofort unterhalten konnte. Ich
habe gespürt, der kann tatsächlich mit meiner Arbeit
etwas anfangen. Er ist ja selber hoch emotional. Wenn er sich
diese Emotionen in seinem Geschäftsleben über viele
Jahre auch zum großen Teil abgeschnitten hatte. Später
entdeckte er sie wieder. Und das ist der Punkt, an dem wir uns
begegnet sind. Da gibt es eine große Ähnlichkeit. Ohne
dass wir beide das wussten. Es war nur spürbar. Genau wie
es in meinen Bildern spürbar sein sollte.
Nach dem Studium sind Sie nicht gleich an die Schule gegangen?
Nein, ich hab erstmal ein Jahr lang pausiert, weil ich nicht wusste,
ob ich wirklich in die Schule wollte oder nicht. Zunächst
hab ich auch nur mit einer Krankheitsvertretung angefangen –
ich bin ja immer skeptisch. Das hat mir aber richtig viel Spaß
gemacht. Insgesamt blieb ich acht Jahre im Betrieb und bin schweren
Herzens rausgegangen.
Wie kamen Sie mit den Schülern zurecht?
Ich kam gut mit ihnen zurecht, die aber am Anfang nicht mit mir.
Ich war damals der einzige Lehrer mit Bügelfalte, Seidenhemd,
Seidenjacke, Seidenhose. Alles tipptopp gepflegt. Ich habe lange
Haare gehabt, als Zopf. Und ich bin geschminkt in die Schule gegangen,
habe Wimperntusche und Kajalstift benutzt. Damit hatten die Schüler
natürlich Schwierigkeiten: "Öhöhöhö,
wie der aussieht."
Wie haben Sie die behoben?
Ich habe ihnen gesagt: "Leute, ich sehe so aus, wie ich aussehe,
aber lasst euch bitte nicht dadurch täuschen. Ich fange ganz
pünktlich an und ich ahnde jede Unpünktlichkeit. Und
der Unterricht geht von der ersten bis zur letzten Minute."
Sie haben lange gebraucht, fast zwei Jahre, bis sie begriffen
haben, dass ich es ernst meine.
Warum traten Sie in dieser antibürgerlichen Verkleidung
auf?
Weil ich mich von dem gesamten Beamtenapparat und der Schulbürokratie
absetzen wollte, aber im positiven Sinn. Und die Schüler
haben das auch positiv wahrgenommen. Schüler nehmen jede
Kleinigkeit ganz genau zur Kenntnis. Und die waren froh, dass
da einer war, der sauber gekleidet war. Als ich nach fünf
Jahren das erste Mal mit Jeans in die Schule kam, sind die schier
zusammengebrochen.
Und Ihre Lehrerkollegen? Wie haben die reagiert?
Die haben das auch honoriert – aber mit Distanz. Die hatten
begriffen: Der macht sein Fach, und das will er ernst genommen
wissen.
Was sollte ernst genommen werden? Sie, Ihre Urteilskraft ?
Oder die Leistung der Schüler?
Die Leistung der Schüler, ganz, ganz eindeutig. Ich wollte
aber auch, dass die Schüler das Fach ernst nehmen. Das war
mir wichtig. Wie gesagt - zwei Jahre hat es gedauert, bis die
kapiert hatten: Der macht das so. Der setzt das um, was er sagt.
Der setzt sich aber auch für uns ein. Das war ein schwieriger
Prozess. Aber diese Form der Auseinandersetzung hat mir Spaß
gemacht.
Wenn nicht alles täuscht, muss das ein sehr emotionaler
Prozess gewesen sein. Und da haben Sie sich nicht versteckt.
Komisch, das stimmt. Ist mir selbst nie aufgefallen.
Hatten Sie diese Jalousie, hinter der Sie Ihre Emotionalität
in der Kunst verbargen, auch vor Ihr Leben gehängt?
Ich denke, am Anfang schon. Bis ich mich getraut habe, mehr von
mir zu zeigen. Aber dazu brauchte ich Sicherheit. Ich habe in
allen Bereichen lange mit mir gehadert: Akzeptier ich, was ich
bin und wie ich bin? Bis zur Entscheidung eben, Künstler
sein zu wollen.
Sie erzählen, wie gern Sie Lehrer waren. Warum haben
Sie dann nach acht Jahren aufgehört mit dem Schuldienst?
Was war der Grund, dass Sie gesagt haben "Ich will jetzt
von Kunst leben"?
Der Grund war ein ganz einfacher. Ich habe mit Herzenswärme
unterrichtet. Und daneben habe ich immer künstlerisch weitergearbeitet,
wenn auch wenig ausgestellt. Das heißt, ich habe morgens
zwischen halb sieben und sieben das Haus verlassen und bin nachts
zwischen eins und zwei heimgekommen. Das hält keine Beziehung
aus, auch keine Freundschaft.
Und das ging die ganze Zeit so?
Tag für Tag. In den Schulferien habe ich mich erst recht
ins Atelier zurückgezogen, um mich mal hundertprozentig dieser
Arbeit widmen zu können. Wie ich schon sagte: Ich hab damals
geglaubt, dass jeder, der nicht zwölf Stunden arbeitet, ein
Faulenzer sei.
Also Überforderung.
Und wie. Aber das war nur die eine Seite … Das Zweite war:
Ich habe diese ganz Zeit mit schlechtem Gewissen gelebt. Dass
ich gut für die Schule arbeitete, war ich meinen Schülern
schuldig. Wenn ich aber dort gut war, ging es mit meiner anderen
Arbeit nicht vorwärts. Die musste ich aber auch voranbringen.
So habe ich diese sieben, acht Jahre wirklich mit einem permanent
schlechten Gewissen gelebt.
Und mit dem Ausscheiden aus der Schule 1987 wurden Sie ein
anderer Mensch?
So einfach war das nicht. Erst einmal habe ich mich mit voller
Intensität auf die Kunst konzentriert. Ich hatte mich als
Beamter ja zunächst nur beurlauben lassen, um herauszufinden,
ob ich ohne die finanzielle Absicherung durchkommen würde.
Dieses Experiment verlief ziemlich erfolgreich. Aber nach fünf
Jahren habe ich mir eine weitere Findungskur zugemutet, die war
knallhart: Von heute auf morgen beschloss ich, auch meine künstlerische
Arbeit nicht mehr fortzuführen.
Sie haben nach der Schule auch im Atelier aufgehört?
Ich habe drei Jahre lang keinen Pinsel angefasst. In diesen drei
Jahren bin ich jeweils sieben bis acht Monate unterwegs gewesen.
Überall auf der Welt. Mal zwei Monate, das Längste waren
fünf Monate am Stück. Seychellen, Madagaskar, La Réunion
und so. Meine ersten Erfolge hatten mich nicht sicherer, sondern
wieder skeptisch gemacht. Markterfolg? Ich? Komisch. Ich war 43
Jahre alt und wollte endlich wissen: Ist das tatsächlich
meine Arbeit? Und was will ich damit? Was ist mir wichtig daran?
Und?
Zwei Jahre waren die Hölle. Ich hatte immer und überall
ein schlechtes Gewissen. Erst dann konnte ich in einem Café
am Wasser sitzen und sagen: Das ist schön. Davor die zwei
Jahre habe ich mir alle möglichen Lebensformen überlegt,
alle Berufsmöglichkeiten. Und erst dann habe ich gemerkt,
dass dieses Leben ohne meine Malarbeit einfach hohl war. Man hält
mit Freunden in jedem Hafen die gleichen blöden Schnacks,
keiner nimmt den anderen ernst, weil man ja sowieso am nächsten
Tag den Hafen wieder verlässt. Fröhlich und nett, langweilig
und öde. Inhaltslos. Nach zwei Jahren wollte ich da wieder
raus.
Was hat denn Edzard Reuter zu Ihrer Auszeit gesagt?
Über ein Jahr lang habe ich mich nicht getraut, ihm zu sagen,
dass ich gar nicht male. Aus Scham habe ich ihm erzählt,
ich bräuchte jetzt mal ein bisschen Abstand und so. Er sagte
nur: "Ach Mensch, ja, mach mal eine kreative Pause."
Erst nach weiteren Monaten habe ich ihm gebeichtet: "Herr
Reuter, ich bin am Überlegen, ob ich überhaupt je wieder
male. Ich mache keine Pause. Ich mache eine Unterbrechung, einen
richtigen Break. Ich will rausfinden, ob ich überhaupt je
wieder einen Pinsel anfassen sollte. Und wenn, warum."
In diesen wunderbaren exotischen Landschaften, in denen Sie
sich da bewegt haben, da konnten Sie nicht malen?
Damals wollte ich das nicht. Als ich es dann doch einmal probierte,
stellte ich fest, dass mir zur Arbeit eine kontinuierliche Umgebung
fehlte, die aus Musik besteht, meiner Musik. Ich brauchte auch
meine Arbeitsmaterialien. Das wäre logistisch schwierig durchzuführen
gewesen, da gab es ein Transportproblem.
Sie brauchen eine Laborsituation.
Ja. Eine Abgeschlossenheit.
Wenn Sie da so Punkt für Punkt Ihre Imaginationen, Ihre
Emotionen auf die Leinwand bringen, was geht dann in Ihnen vor?
Sind Sie nur auf die Farbe konzentriert oder auf das Werk? Oder
läuft in Ihnen etwas ab?
Ich empfinde das als eine Form von Meditation – das erspart
mir das Liegen auf der Couch. Ich kann meine Problemwelt dabei
abarbeiten, mit Unterstützung der Musik. Das ist für
mich sehr wichtig, wie auch das Musikhören bei der Arbeit.
Außerdem glaube ich, dass ich mir diesen langsamen Produktionsprozess
ausgesucht habe, um möglichst selten einschneidende Entscheidungen
treffen zu müssen. Dadurch, dass diese Prozesse so arbeitsintensiv
und zeitaufwändig ist – ich muss immer hoch konzentriert
sein – fallen echte Entscheidungen nur ab und zu an. Nicht
permanent. Dadurch kann ich meinen Gedanken nachgehen.
Reden Sie laut mit sich?
Natürlich rede ich laut mit mir bei der Arbeit. Laut und
leise. Und wirklich, ich habe die Möglichkeit, durch diesen
Rückzug alles erst mal draußen zu lassen und zu mir
zu kommen. Und wenn ich zu schlecht drauf bin, weil ich zu viel
andere Arbeiten zu tun habe, sagt mir meine liebe Frau: "Geh
ins Atelier und mach Punkte."
Jürgen Leinemann

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