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Scharein – 'Metaphysik'
Kabinettausstellung Bischofsetage | 26. 4. bis 30. 6. 2010 | Eröffnung

von Christhard-Georg Neubert



Für Schari zum 27. April 2010

Am Anfang jeder künstlerischen Tätigkeit steht die Nachahmung. Das Kind, der Neuling, die Anfängerin reproduzieren, so gut sie können, was Musiker, Schriftsteller, Bildhauer oder Maler vor ihnen an Gefühl, Gedankenschärfe, Kraft des Eindrucks und Sinnlichkeit hervorgebracht haben. Es gab Zeiten, in denen es zum guten Ton gehörte, dass die auf Bildungsreise geschickten jungen Leute Kopien berühmter Gemälde oder Landschaftsansichten nach Hause schickten, wie zum Beweis, dass die Reisenden sich tatsächlich mit den Zeugnissen der sie umgebenden Kultur auseinandersetzten. Die unzähligen Reiseskizzen eines Felix Mendelssohn-Bartholdys etwa dokumentieren nicht nur sein zeichnerisches Talent, sondern stehen für diese Kultur der individuellen Anverwandlung des Geschauten. Schade eigentlich, dass diese Versuche des Begreifens von Wirklichkeit weitgehend außer Gebrauch geraten sind.

Der Unterschied zwischen der Imitation und dem großen Werk scheint wohl in dem zu liegen, was die Hand des Künstlers hinzufügt, neu fasst, besser versteht und so auf’s Neue in der menschlichen Seele zum Klingen bringt. Günter Scharein, oder wie wir vielleicht auch sagen dürfen, der von uns so geschätzte Maler Schari, steht insofern Künstlern wie Picasso, Rothko und vielen anderen Meistern nicht nach, die in einer Art Suchbewegung der ästhetischen Konstruktion bedeutender Bildwerke berühmter Maler früherer Jahrhunderte nachgegangen sind. Wenn es der Ehrgeiz ganzer Malergenerationen war, bisher ungemahlte Erfahrungen figürlich ins Bild zu setzen, so scheint der Ehrgeiz Schareins primär eine Suchbewegung zu sein, die darauf aus ist, existenziellen Erfahrungen neuen Ausdruck zu geben. Schon seine Bildtitel weisen darauf hin. Nicht das Figürliche, Konkrete scheint wichtig; wesentlich ist die dahinter liegende Dimension. Nicht auf das farbliche Signal kommt es an, wie bei der OP-Art, sondern auf die Rekonstruktion von Wirklichkeit mit Hilfe höchst nuancierter Farbfelder. Dabei handelt es sich um einen ungewöhnlich anspruchsvollen Dialog mit dem vermeintlich bekannt Erscheinenden, das wir nun aber, sozusagen durch die Optik Schareins, viel besser verstehen als zuvor; weggewischt die Patina des Alten, längst Vergangenen; wie neu und erstmalig heran geführt an den innersten Kern unserer Wahrnehmung steht das Werk uns nun vor Augen.

Schareins berühmt gewordener, jahrelanger Dialog mit Matthias Grünewald, dem Schöpfer des Isenheimer Altars, der noch immer auf geheimnisvolle Weise seine Betrachter in den Bann schlägt, steht in einzigartiger Weise für diese Suchbewegung. Aus Platzgründen musste darauf verzichtet werden, diesen Dialog Schareins hier zu präsentieren.

Beim Betrachten der Bilder Schareins wandert unser Blick wie durch Farblandschaften. Die konkreten Bildinhalte treten hinter der Abstraktion zurück. Wir müssen sie gleichsam ergänzen. Über die Beziehung zwischen Betrachter und seinen Bildern sagt Scharein. "Der Betrachter muss mit seiner ganzen Erfahrung, seiner Sinnlichkeit und Spiritualität auf meine Bilder antworten – oder sie werden verschlossen bleiben."

Tritt man näher vor Schareins Bilder hin, so merken wir, wie der Maler nach einer geheimen und sehr strengen Ordnung Punkt neben Punkt gesetzt hat. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, mit welcher Energie und Zielstrebigkeit, mit wie viel Vertrauen zur Richtigkeit des Weges, mit wie viel Abbruch und Neubeginn, mit wie viel meditativem Sinn dieser Pointillismus des Günter Scharein ins Werk gesetzt wurde. Aber ich spüre etwas von der imaginären Kraft, die sich zwischen dem Bild und dem Betrachter, der mit dem Bild allein sein will, ereignet.

Vergleichen wir die früheren Arbeiten mit den neueren, so erkennen wir unschwer, wie sich Farbigkeit, Materialität und Malweise Schareins entwickelt haben. Das Verfahren bleibt zunächst das Gewohnte. Er malt nach Plan Acryl auf Hartschaumplatte, wie bisher. Seine Herkunft vom Siebdruckverfahren bedingte in früheren Bildern das Flächige, Glatte der Oberflächen seiner Bilder. Neuerdings aber werden die Punkte größer, der Farbauftrag wird pastoser. Das Auge nimmt den größer gewordenen Durchmesser des punktuellen Farbauftrags deutlich wahr. Schareins Bilder bekommen dadurch zunehmend, so will mir scheinen, ein Element der Licht- und Schattenwirkung, das in dieser Weise neu ist. Dadurch verstärkt sich der Eindruck von Vibration und Plastizität. Scharein sagt von seiner Malweise: "Das Punkte Setzen ist für mich inzwischen zu einer Art von Schreiben geworden." Zwar ist oft schon angemerkt worden, dass Scharein sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes auf den Punkt gebracht hat. Wie er das aber tut, das unterliegt einem spannenden Wandel. Neu scheinen mir auch die gegeneinander laufenden Farbabläufe zu sein. Scharein arbeitet jetzt von der Dunkelheit ins Licht; vom Schwarz ins hohe Gelb und umgekehrt. Neu ist auch die Farbe Blau im Schwarz; ich mochte es im Blick auf frühere Bilder zunächst nicht glauben. Aber es ist so. Seine neueren Arbeiten funktionieren auf je eigene Weise aus der Ferne wie aus der Nähe. Noch in dichtestem Abstand vermitteln seine Farbtexturen einen ungeahnten sinnlichen Reiz der Farbtiefe und Differenziertheit. Genießt man im weiten Abstand die Farbflächen, so ist man fasziniert von ihrer Intensität und Präsenz.

Sobald die Intensität des Hinsehens einen gewissen Grad erreicht, wird dem Betrachter gewahr, dass ihm eine ebenso intensive Energie entgegenstrahlt, durch die äußere Erscheinung dessen hindurch, was man so eifrig betrachtet hatte. Und dann beginnt die Wanderschaft in Schareins geheimnisvoll konstruierten Farblandschaften von neuem.

Für eine Kirchenbehörde, für die Bischofsetage zumal, mag es sich gehören, dass die Andacht bei aller Geschäftigkeit und allem Fleiß der hier Mitarbeitenden nicht zu kurz komme. Mit Fug und Recht hat man Schareins Bilder auch 'Andachtsbilder' genannt. Dass er hier vier Reisealtäre nebeneinander präsentiert, wird ja niemand als Anspielung auf die intensive Reisetätigkeit des Bischofs, des Präsidenten, der Pröpstin und der anderen leitenden Mitarbeiter dieses Hauses missverstehen. Auch wird hoffentlich noch jeder der kleinen ‚Altäre’ da sein und nicht auf Reisen, wenn diese Ausstellung ihr Ende gefunden hat. Aber wenn ein Altar in unserer protestantischen Tradition einen Sinn hat, dann doch den: immer wieder neu zu verstehen, woher wir kommen; wozu wir unterwegs sind und woraufhin unsere irdische Wanderschaft ausgerichtet ist.

 

Christhard-Georg Neubert
Direktor der Stiftung St. Matthäus






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