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"Nimmst
du auch wahr, was du siehst?" -
Eine kleine Sehschule am Beispiel des Isenheimer Altars
von Andreas Mertin

"Hommage à Meister Mathis" | 1983-85 | 205x500
cm
Es
gibt Bilder, die machen einem das Betrachten schwer. Bilder etwa,
die uns so bekannt sind, dass wir schon gar nicht mehr hinschauen,
wenn sie wieder einmal ins Blickfeld geraten. In diesen Fällen
brauchen wir Seh-Hilfen, die unsere Wahrnehmung leiten, umlenken
oder verfremden. Zu den Künstlern, die der ästhetischen
Konstruktion berühmter Kollegen aus der Kunstgeschichte nachgegangen
sind, gehört der Berliner Günter Scharein.
Ein gewaltiges Triptychon öffnet sich vor dem Betrachter:
das Werk misst knapp 5 Meter in der Breite und 2 Meter in der
Höhe. Die Seitentafeln sind halb so groß wie die Mitteltafel,
sodass sie zusammengeklappt diese verdecken würden. Insoweit
ist das Werk ganz altmeisterlich als Altarbild aufgebaut. Das
Mittelteil ist von einem kräftigen Blau erfüllt, das
vor den Betrachter einen weiten Raum eröffnet. Nach oben
hin dunkler werden und fast ins Schwarze übergehend, wird
es zum Boden hin immer lichter und leichter und geht schließlich
in ein warmes Gelbrot über, das sich zu den Rändern
hin verstärkt und eine Art feurige Grundlage bildet. Die
Bildtöne bilden eine klare Ordnung aus, die farblich akzentuierten
Bildbegrenzungen nach oben und unten erzeugen im Zentrum ein rein-blaues
Vakuum. Das Firmament steht wie ein drohendes Verhängnis
darüber.
Tritt
man näher vor das Bild hin, wird deutlich, dass sich die
Farbgebung in feinste gegeneinander gesetzte Farblinien auflöst.
Strich für Strich hat der Künstler nebeneinander gesetzt.
Durch diese Strichtechnik entsteht ein leicht textiler Eindruck
in der Art eines Vorhangs. Obwohl auf dem Bild nichts Figuratives
zu entdecken ist, ist das Bild nicht leer, es ist eigentümlich
narrativ und kommunikativ, vielmehr erzeugt die Farbstruktur die
Andeutung eines vor den Augen ablaufenden Geschehens. Der Blick
wandert durch die Farblandschaft auf eine Weise, die der Augen-Wanderung
auf Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" nicht
unähnlich ist.
Die
beiden Seitenteile erhöhen die Dramatik beträchtlich
und bringen zugleich das ganze Werk in eine Art schwebendes Gleichgewicht.
Auf der linken Seite wird ein zum Teil ins Schwarze reichendes
dunkles Blau durch ein kräftiges Rot mit irisierenden Einschlägen
aus gelber Farbe ergänzt, das sich nach unten hin verdünnt
und nach oben hin fast die gesamte Breite des Seitenteils ausfüllt.
Durch die Farbverteilung hat das Bild einen Gewichtsschwerpunkt
im unteren Teil, während es nach oben hin leicht und licht
wird. Die Dynamik ist zunächst nicht eindeutig zu bestimmen,
das Rote könnte ebenso ephemer nach oben entschwinden wie
auch sich erleuchtend in das Blau einsenken. Der rechte Seitenteil
scheint zunächst die Bewegung des linken nur in einer anderen
Farbvariante zu wiederholen, aber der Schein trügt. Im Gegenüber
beider Seitenteile wird deutlich, dass im linken Teil das Rot
wie ein Blitz auf die Erde strömt, während im rechten
Teil das lichte Gelb der Erde sich entzieht und aus dem Bild nach
oben entschwindet. Hier wächst das tiefe Blau, das auf der
rechten Seite dem kräftigen Rot weichen musste, wieder an
und wird nur in unmittelbarer Nähe des gelben Lichts ins
Hellblaue erleuchtet und bildet damit eine Art Korona.
Das
Werk ist keine Farbspielerei, vielmehr handelt es sich um einen
anspruchsvollen Dialog mit der Kunstgeschichte. "Hommage
an Meister Mathis" heißt dieses Werk und gibt damit
einen Hinweis auf seine Bezugsgröße. In diesem künstlerischen
Dialog mit dem Isenheimer Altar wird
mit den Farbvalenzen des Werkes gearbeitet und die die narrative
Struktur des historischen Vorbilds in eine Narrativität der
Farbe umgesetzt.
Scharein
hat die Verkündigung, die Kreuzigung und die Auferstehung
des Herrn des Isenheimer Altars, die
dort auf verschiedenen Ansichten sind, in einem Bild zusammengestellt.
Die konkreten Bildinhalte scheinen ganz zurückgetreten, sie
sind als Zitate im Kopf des Betrachters vorausgesetzt und müssen
von diesem eigenständig in die Auseinandersetzung mit eingebracht
werden.

Isenheimer Altar von Mathias Grünewald, 1512 bis 1516
Die
zuvor beschriebene farbliche Bewegung wird nun anhand der historischen
Vorlage einsichtig. Auf der linken Seite sehen wir die Verkündigung,
wobei die farbliche Dynamik nicht dem verkündigendem Engel,
sondern dem auffälligen roten Vorhang und der Struktur der
Kapelle im Hintergrund entnommen ist. Auf der rechten Seite hat
der Künstler die Aureole des Auferstehenden leicht nach links
gerückt und so die Vorlage noch dramatisiert. Der Blick auf
den Mittelteil der Vorlage zeigt, wie stark bereits Grünewald
das dramatische Geschehen der Kreuzigung durch die farbliche Gestaltung
des Hintergrunds aufgefangen und verstärkt hat.
Schareins
Bild ist wirklich eine "Hommage an Meister Mathis",
es ehrt ihn, indem er ihn als Zeitgenossen versteht. Eberhard
Roter schreibt zur Religiosität der Arbeit: "Schareins
Bild spricht nicht die Menge einer Gemeinde an, sondern den Einzelnen,
denjenigen, der mit sich und dem Bild allein sein will. Auch dieser
Zug zur Individualisierung ist ein Charakteristikum der spezifischen
Religiosität in der Kunst unserer Zeit. Daraus, dass er sich
nicht mehr als unmittelbarer Teilnehmer innerhalb der Szenen des
Heilsgeschehens imaginieren kann, ist zu erklären, dass der
Künstler das Bild in seiner Auseinandersetzung mit dem Isenheimer
Altar defiguriert." Damit entspricht das Werk sowohl
einem Zug der neuzeitlichen Religionsgeschichte wie auch der modernen
Verlagerung religiöser Momente in die Kunst.
In
welcher Weise kann dieses zeitgenössische Bild von Verkündigung,
Kreuzigung und Auferstehung im Religionsunterricht eingesetzt
werden?
Losgelöst
vom Bezug auf das historische Vor-Bild ist das Werk eine konzentrierte
Seh-Schule. Es bedarf einer sorgfältigen und unvoreingenommenen
Beobachtung, wie hier Farben, Farbübergänge, Irisierungen
erzeugt werden, wie sich ganz unterschiedliche Abgrenzungen und
Überlagerungen ergeben. Dann lässt sich über die
Farbgestaltung auch Bewegung im Bild wahrnehmen, es gibt Zonen
der Ruhe, des Aufstrebens und des Niederfahrens, es gibt flimmernde
Partien und fast monochrome, deren Wechsel das Auge bewegt und
lenkt. Das Hauptinteresse wird aber das beziehungsreiche Spiel
mit dem Isenheimer Altar sein. So ergibt
sich eine gute Gelegenheit, anhand des Kunstwerks auch einen neuen
Blick auf den Isenheimer Altar zu werfen.
Günter Schareins Arbeit verdeutlicht uns so neben der künstlerischen
Arbeit, die Grünewalds Altarbild auszeichnet, auch etwas
von deren theologischen Konzeption. In Grünewalds Werk atmet
noch der Geist des Mittelalters. Scharein dagegen hat der historisch
gewandelten Religiosität Ausdruck verliehen, einer Religiosität,
die mit dem konkreten Geschehen immer weniger, der zugrunde liegenden
Spiritualität aber umso mehr anfangen kann.
© Dr. phil. h.c. Andreas Mertin, 2006

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