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Hommage à Meister Mathis gen.
Grünewald

"Meister Mathis" | 1983-85 | 205x500 cm
Zwei
Jahre hat Günter Scharein an seinem bisher größten
und auch großartigsten Bild gemalt. Das Triptychon "Hommage
à Meister Mathis" (205 x 500, in vier Teilen) ist
in der Zeit von 1983 bis 1985 entstanden. Innerhalb der modernen
Kunst mit ihrer radikalen visuellen Erfahrungen ist seit der romantischen
konzeptionellen und theoretischen Umformung der älteren abendländischen
Malerei in neue Formen einer säkularisierten, zum Ausdruck
transzendenten Erfahrungen neigenden Bildlösung, wie sie
u.a. Bei Barnett Newman oder Mark Rothko finden, die Bereitschaft
vorhanden, auch Unfassliches erfahrbar zu machen. Das setzt Bilderfahrung
voraus, de auch durch die moderne Kunst bewirkt wird und ohne
die ältere Kunst wie auch die der Moderne nicht zu gewinnen
sind, soweit es die Erfahrungen durch Anschauung betrifft.
Paul Corazola schreibt zu dem gen. Triptychon: "Die abendländische
Kunst hat, in jahrhundertelanger Auseinandersetzung mit christlichen
Inhalten, eine Bilderwelt geschaffen, deren Werke und Gestalten
auch heute noch allgemeines künstlerisches Bewusstsein mitprägen.
Günter Schareins lange Auseinandersetzung mit den Tafeln
des Isenheimer Altars bedeutet für ihn keine Übernahme
christlicher Glaubensinhalte, in denen er eine unzulässige
Vertröstung auf ein jenseits erblickt, eher sind ihm, in
einem zwischen Menschwerdung (linke Tafel),
Kreuzestod (Mitteltafel) und Auferstehung (rechte Tafel) liegendem
Spannungsfeld, Hinweise von Rückbesinnung auf eigene geistige.
Andere (auch theologische) Deutungen werden zugelassen. Die meditative
Kraft der in zweijähriger Arbeit entstandenen Bilder –
Scharein nennt sie Altartafeln – macht einengende Interpretationen
überflüssig. Natürlich ist es ein bedeutender Vorzug
für die Interpretation eines Bildes und den Umgang damit,
wenn die Beschreibung, ohne Verlust von Sachlichkeit, den auch
enthaltenen Gleichniswert eines Bildes bewusst macht.
Die Arbeit Günter Schareins setzt sich sehr deutlich von
den Ergebnissen der Op-Art ab. Hier führte der rein optische
Einsatz von Farben und Formen zu einer Verflachung des malerischen
Problems. Es blieb letztlich bei der Herstellung von Signalen.
Scharein kann sich das im Grunde zu nutze machen. In der kompositorischen
Anlage des Bildes z.B. über die Kreuzform und in der Beibehaltung
des Rasters als Farbträger kann die Farbe in nuancierten
Valeurs für eine gebaute Räumlichkeit verwendet werden.
Mit dem Durchlaufen eines Farbtons entweder von oben nach unten
oder von links nach rechts, z.B. von Rot nach Blau, kann auch
das Darstellen von Figur im Bild gelingen, wenn man bereit ist,
Figur nicht nur als realistische Darstellung von Körper zu
begreifen.
Günter Scharein hat sich früh festgelegt: Inmitten eines
bildnerischen Irrationalismus versuchte er zunächst, über
die Anwendung der zeit- und arbeitsintensiven Siebdrucktechniken,
die bei großen Formaten hunderte von Druckvorgängen
erfordert, den Weg zur Glätte, zur Beruhigung und Vermeidung
der herkömmlichen "Handschrift" zu gehen, um dann
später zum persönlichen Duktus insoweit zurückzukehren,
als er gleiche Bildlösungen mit dem feinen Pinsel zu finden
suchte. Mit dem Beibehalten des, durch die ursprünglich grafische
Technik gegebenen Gerüsts, aber durch den nun eingesetzten
punktuellen Farbauftrag von Hand, ergab sich die Frage nach der
Inhaltlichkeit von Bild zwischen Abstraktion und Bestimmung. Diese
Frage hatten sich so weder der später Konstruktivismus und
seine Nachfolgevarianten noch die Op-Art in ihrer plakativen Breite
gestellt.
Auf der Suche nach der Darstellung von Inhalt kam Scharein auf
die formale le Anlage de Altarbilder. Hier scheint ihm Abstraktion
und Bestimmung vereint. Die Durchführung in den Bildern Günter
Schareins ist abstrakt, die Inhaltlichkeit kommt über die
Gestaltung von Farbfiguren ins Bild, genau so, wie das Altarbild
durch im Grunde abstrakte Vorgaben bestimmt ist und erst in der
inhaltlichen Darstellung zur Wirkung kommt. Nur so kann verstanden
werden, dass das Altarbild in seiner historischen formalen Strenge
über Jahrhunderte hin auch zum inhaltlichen Träger von
Malerei werden konnte. Auf den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald
angewendet bedeutet dies: Wird die Kreuzigung von Grünewald
unter malerischem Gesichtspunkt auf die heutige Situation angewendet,
so kann das Mittelfeld des Triptychons nur durch die Abstraktion,
im Sinne von Kreuzigungsinhalt bestimmt werden. Die formale Anlage
des Mittelfeldes, die Haupttafel, wird das Thema des gesamten
Bildes.
Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge haben sich im ersten
Drittel des 19.JH in ähnlicher Weise und mit großem
theoretischen Einsatz um die Lösung malerischer Probleme
bemüht, dabei jedoch nie die zu vermittelnde Botschaft aus
dem Auge verloren. Diese Inhaltlichkeit hat sich heute geändert,
geblieben ist ein radikaler Ernst. Bei einem Gespräch im
Atelier sagte Günter Scharein, als wir über die Art
malerischer Wahrheit sprechen: Sätze über die Wahrheit
können nur zusammengesetzt sein. Auch in der Malerei. Die
Reduktion auf ein einzelnes Zeichen vermeidet. Nicht die Reduktion,
sondern die Sammlung des Einzelnen ergibt das ganze Bild, das
darin wahr ist, als es eines von möglichen ist." Die
Struktur des abgebildeten Diptychons – eine deutliche Frontalsymmetrie,
in der wieder die Form des Kreuzes anklingt – unterstreicht,
dass die Zufallsanordnungen der Natur durch eine feste emblematische
Ordnung ersetzt werden, die auch die Botschaft oder Wahrheit zu
erhellen sucht (oder zumindest dazu in der Lage ist), die im Mittelteil
des Grünewald-Altars verhandelt wird.
Bezogen auf die Farbigkeit in Grünewalds Altar ist in diesem
Zusammenhang noch zu sagen, dass in der farbthematischen Bindung
der Arbeiten Schareins wie dort, die Farbe Rot, Blau und Gelb
zum dramatischen Aufbau unmittelbar beitrage. Darin ist Visionäres
und Empirisches gefasst. Bei Scharein gelingt eine genaue Bildbeobachtung
mit einem wachen Blick für die wirksame Immanenz der Oberflächenerscheinung
von Farbe. Mit dieser, zugegebenermaßen nicht gerade opportunen
Haltung, die zurück zur Inhaltlichkeit will, steht Günter
Scharein in einer Verbindung mit Ergebnissen der Moderne, die
beispielsweise Mark Rothko veranlassten, für sein Spätwerk
den Bau einer Kapelle zu verlangen oder Barnett Newman bewegten,
für sein 1968/69 entstandenes, monumentales "Dreieckbild"
in den Farben Schwarz und rot den Titel Jericho zu geben. Die
Verlegung der Mittelachse um wenige Zentimeter nach rechts in
diesem bild entspricht übrigens der Mittellinie (Klappkante)
des Grünewald-Altars und findet sich die Mittelachse im Mittelfeld
von Schareins großem Triptychon wieder, so wird sichtbar,
dass rein formale Anlagen tatsächlich in die Wirksamkeit
von Inhalt übertragen werden können.
© Rainer René Müller, 1986

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