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Lust am Genuss
Text von Günter Scharein
Seit meiner Jugend gibt es für mich eine handvoll wichtiger
Lebensinhalte, die mir am Anfang unbewusst, später mit vollem
Wissen zu Quellen meiner Bildinspirationen geworden sind. Um etwas
aus mir heraus bildnerisch zu formulieren, muss ich im Vorfeld
erleben, fühlen riechen, tasten, leiden, sehen. Frühes
Fernweh führte mich zum Reisen- Länder nicht zu überfliegen,
sondern zu durchqueren. Atmosphären auf Märkten wahrzunehmen,
Landschaftseindrücke aufzunehmen, in Stimmungen einzutauchen
und all dies photographisch fest zu halten. Darüber hinaus
habe ich aus all diesen fernen Ecken der Welt für mein „Reise-Traum-Zimmer“
Erinnerungsstücke mitgebracht: Klangschalen aus Nepal und
Kambodscha, Mineralien und Halbedelsteine aus Madagaskar und Namibia,
Muscheln von den Seychellen und aus Vietnam, die spezifischen
Farben und Düfte dieser Länder.
Wichtig ist für mich immer wieder das unterschiedliche Licht
im Norden, Süden, Osten und bei uns im Ablauf der Tage, des
Jahres. Wie beeinflusst dies die Menschen an den unterschiedlichen
Orten, welche Wirkung hat es auf die zwischenmenschlichen Beziehungen,
die für mich die Ursache unserer tiefsten Gefühle sind:
Liebe, Verlust, Trauer, Verzweiflung, Glück.
Auf all diesen Reisen habe ich immer ausführlich Tagebücher
geführt, Skizzenbücher gefüllt und stets den Kontakt
zu Freunden und Bekannten in Briefform gesucht. Für mich
sind diese Briefe Rechenschaftsberichte mir selbst – und
dem Empfänger – gegenüber. Erst das geschriebene
Wort ordnet die Gedanken, die Lebens- und Bildideen. Es war und
ist eine Form meine Positionen, meinen Lebensweg zu klären
und mir wichtige Menschen dabei mit einzubeziehen, natürlich
nicht nur aus der Ferne, sondern auch zu hause vor Ort.
So spielt der gesellschaftliche Umgang miteinander eine wesentliche
Rolle: Gemeinsam Essen und Trinken, dabei das Gespräch, die
Auseinandersetzung suchen. Grundlage dafür ist das Kochen,
so kreativ – aber nicht so bleibend - wie meine Malerei.
Kochen bedeutet für mich entspannen, Neues ausprobieren,
Fähigkeiten erweitern und verbessern. Auf engste sind damit
abendliche Gesellschaften mit mehrgängigen, selbst entworfenen
Menüs verbunden: Essen genießend den Gegenüber
kennen lernen und erleben, mitten in der Bilderwelt meiner Arbeitswohnung.
Zwischen den Arbeitsgängen neue Werke zeigen, Einblicke in
meine Welt(en) gewähren.
Das ist in den letzten Jahren mehr und mehr auch eine Form geworden,
die Arbeiten nach außen zu präsentieren. Zwar immer
nur in einem kleineren Kreis, aber dafür umso intensiver
und stets mit der Chance verbunden, den Gästen zuzuhören,
ihre Welten besser kennen und verstehen zu lernen.
So bedeutet für mich die Lust am Genuss nicht nur Reisen,
Photographieren, Schreiben, Kochen, Bilder malen, sondern eben
auch Mit-Menschen erleben.

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