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Im Leben stets à point


Anja Popovic, Berliner Morgenpost, vom 18.04.2004


Günter Scharein schafft Kunstwerke aus Farbpunkten - Potenzielle Käufer lädt er zu Sechs-Gänge-Menüs ein. Die Kochbücher (Paul Bocuse bis Heinz Winkler), die in einem Holzregal in der Wohnküche stehen, werden wirklich gelesen. Das erkennt man an den von Kochdampf verzogenen Buchrücken und an Supermarkt-Quittungen, die als Lesezeichen zwischen den Seiten klemmen.

SchareinGünter Scharein (54) liebt es à point - auf den Punkt: kulinarisch und künstlerisch. In der Küche seiner Arbeitswohnung kreiert der Maler aufwändige Sechs-Gänge-Menüs - sogar die Suppen-Fonds macht er selbst. Vor ein paar Wochen saß SPD-Chef Franz Müntefering in Schareins Kreuzberger Küche, mit dem Büro von Wolfgang Huber, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird gerade ein Termin abgestimmt.

Schareins Atelier liegt am Ende eines langen Ganges: Wenn der Künstler hier arbeitet, dann setzt er mit einem Pinsel winzige Acrylfarbpunkte auf großformatige, gerasterte Hartschaumplatten. Durch die Technik entstehen licht durchwobene Körper, die je nach Farbauftrag gesättigt, transparent oder schwerelos wirken. Zurzeit punktet er in seinem Atelier ein Bild in Gelbtönen.

Die 150-Quadratmeter-Altbauwohnung (Stuck, Fischgrätparkett, Teppiche, Linoleum) hat er vor zwei Jahren bezogen. Seine Lebensgefährtin Wiebke Zielinski ("Frau Doktor der Gesundheitswissenschaften") wohnt ein Stockwerk tiefer. Sie arbeitet in der diakonischen Einrichtung Oberlinhaus in Potsdam.

Früher, sagt Scharein und gießt an seinem riesigen Küchentisch Kaffee aus der Presse in weiße Porzellantassen, sei er in den Supermarkt gegangen, hätte zwei Plastiktüten voller Fünf-Minuten-Terrinen eingepackt und 16 bis 28 Stunden durchgearbeitet. "In beziehungslosen Zeiten funktioniert so etwas."

Inzwischen malt er "nur" noch zehn bis zwölf Stunden am Tag: In der rechten Hand den Pinsel, in der linken das Mischglas, auf der Nase eine farbverschmierte Nahsicht-Brille. Für die richtige Atmosphäre sorgen Tageslicht-Röhren und die Arien der legendären Opernsängerin Maria Callas, die Scharein schwer verehrt.

In Öl malt der gebürtige Niedersachse, der 1969 bis 1979 Kunsterziehung in Hamburg studierte und in Berlin später bei Johannes Geccelli und Herbert Kaufmann zum Meisterschüler avancierte, seit langem nicht mehr: "Von den Nitrodämpfen war ich abends immer total breit. Außerdem habe ich Nasenbluten bekommen."

Auf fünf Quadratmetern Fläche verarbeitet Scharein (im Internet unter www.scharein.de) vier bis fünf Kilogramm Acrylfarbe. In seiner Küche hantiert der Maler, der auf Suppen und Saucen spezialisiert ist, am Gasherd mit Jodsalz, Rotwein-Essig und Kürbiskernöl. An den Küchenwänden hängen Schareins Bilder in Rot, Grün, Grau und Blau. Einmal im Monat lädt der Künstler acht bis 14 Gäste - Freunde und potenzielle Käufer - ein. "Ich arbeite nicht über Galeristen, sondern über ein Netzwerk, das ich ständig erweitere."

SchareinNeben der Eingangstür hängt eine zweieinhalb Quadratmeter große Collage, auf der Fotos von Sammlern, Förderern und Weggefährten in allen Lebenslagen vereint sind: Edzard Reuter, Erwin Staudt, Klaus Krone.

Einmal aufgenommene Fotos werden nicht mehr entfernt. "Menschen, die ich im Augenblick nicht so gern sehe, überklebe ich einfach. Das heißt aber nicht, dass sie später nicht wieder auftauchen kšnnen." Auf Schareins Liste der durch Überkleben Gefährdeten stehen vor allem Politiker und Kunstschaffende: "Die meisten sind notorische Zuspätkommer."

"Schari", so nennen ihn Freunde, möchte auch niemanden in seiner Wohnung haben, der ihm unsympathisch ist: "Da kann einer der Schah von sonste was sein."

Erste Skizzen und Farbstudien von Scharein kosten ab 500 Euro, für großformatige Werke zahlen Käufer 23 000 Euro und mehr. 800 bis 1000 Arbeitsstunden dauert es, bis eine mittelgroße Hartschaumtafel fertig ist. Es gibt Momente, in denen Scharein seine eigenen Acrylpunkte nicht mehr sehen kann. "Natürlich kriege ich Durchhänger. Dann bin ich zwei Tage richtig schräg drauf."


SchareinDagegen hilft reisen: Drei Jahre gab es im Leben von Günter Scharein, in denen er fast nur unterwegs war. "Das war, als sich die ersten großen Erfolge einstellten. Durch das Reisen wollte ich herausfinden, was mir die Arbeit bedeutet. Das erste Jahr war fürchterlich. Nach zwei Jahren konnte ich das Sitzen am Strand genießen, nach drei Jahren war mir klar, dass mir die Arbeit fehlt." Auf die Seychellen fährt Scharein immer noch. "Wenn es geht, einmal im Jahr. Dort mache ich dann meine Jahrespost. In 14 Tagen schreibe ich 80 bis 100 Briefe an Freunde und Sammler, per Hand und mit Füller."

Im Schlafzimmer hat er jene Gegenstände und Impressionen verborgen, die ihm aus Krisen helfen: An den Wänden hängen großformatige Farbfotos, die Scharein auf Asien-Reisen gemacht hat, gegenüber vom Bett stehen Kristallkugeln aus Madagaskar, Klangschalen aus Katmandu, ein Essensbehälter aus Burma, ein Straußenei aus Namibia, Holzkunstwerke, Steine, Muscheln. Staubwischen möchte man hier nicht. Aber träumen. Von Maria Callas. Vom Reisen. Oder von Punkten.





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