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Spiel bewegter Unbeweglichkeit
Kinetische Skulpturen von Günter
Scharein und Malerei von Martin Willing
aus: KULTURJOKER, Kultur- und Veranstaltungszeitung, April 2005,
16. Jg., S. 9 von Annette Jahn
"Jetzt habe ich mich fünfzig Jahre lang mit Materie
beschäftigt, nur um herauszufinden, dass es sie nicht gibt!",
berichtete der Physiker Hans-Peter Dürr freudestrahlend bei
einem Vortrag im November.
Auch in der Skulpturenhalle der "Stiftung für Konkrete
Kunst Roland Phleps" hat die vergnügte und verspielte
Seite dieser (so manches Mal unsere Vorstellungskraft sprengenden
Forschung Einzug gehalten. "Nicht berühren" steht
auf Schildern neben den Exponaten aus Stahl, Aluminium oder Titan
von Martin Willing. Stangen verengen sich zu Draht, Blechstreifen
verjüngen sich zu hauchdünnen Plättchen - gebogen
und gewunden sind sie zu Körpern im Raum. Zu Hügeln,
Kugeln, Linsen oder einem eindrucksvollen Doppelkegel, einem Hyperboloid.
Andere Körper sind aus massiven Quadern herausgeschnitten.
Das Licht umspielt Innen und Außen, umschmeichelt die Kanten
der einzelnen Windungen, betont die Durchlässigkeit der Starre.
Dass diese Starre hauptsächlich in unserem Kopf vorhanden
ist, nämlich als unser "Wissen" von Metallen und
ihren Eigenschaften, zeigt sich, sobald die vorsichtige und angeleitete
Berührung der "Skulpturen gegen die Schwere" allen
Schildern zum Trotz dann doch stattfindet: Da ist nichts mehr
von starrer Form, von massig metallener Festigkeit, von Widerstand
und Verläßlichkeit. Metall wird zu Wasser. Die Skulpturen
beginnen Wellen zu schlagen, zu atmen, zu tanzen, zu wippen. Sie
geben nach, nehmen die Berührung auf, leiten sie weiter,
pulsieren - und je nach Art und Menge der Berührung auch
in verschiedenen Rhythmen zugleich.
Willing hat nicht nur Kunst, sondern auch, man ahnt es schon,
Physik studiert. Seit fast dreißig Jahre setzt er sich mit
den Materialeigenschaften von Metallen, mit ihrer Elastizität
und der Beweglichkeit von Metallskulpturen im Raum auseinander.
Diese Mobilität ist nicht nur erheiternd und lebendig - sie
vergrößert für den Betrachter auch die Ebene weit
unterhalb des Sichtbaren. Und so meint man Einsicht zu bekommen
in die extrem bewegte Welt der Teilchen, der herumschwirrenden
Elektronen, des elementaren Spiels.
Dieses Spiel geht an den Wänden der luftig-klaren Skulpturenhalle
gleich weiter: Dort hängen "Schwebende Farbfelder"
von Günter Scharein, der sich dem Detail verschrieben hat,
um damit möglichst genau das große Ganze zu fassen.
Von Nahem sieht man Hunderte von Punkten, deren Farbe variiert
und deren Kombination sich in fast schon mathematischem Muster
aufbaut und verändert. Aus der Ferne verschmilzt die gepunktete
Feinabstimmung zu weiten homogenen und homochromen Flächen
- die in ihrer Weite doch keine Flächen sind. Sie geben den
Blick frei auf die ruhig pulsierenden Tiefen des Lichts. Oder
des Alls.
Das große Triptychon an der Kopfseite der Halle, "Meister
Mathis", ist dem mittelalterlichen Maler Mathias Grünewald
gewidmet - die verschiedenen Blautöne der drei Tafeln widersetzen
sich einander und verstärken sich damit nur noch mehr. Sie
nehmen den Betrachter mit in den Kosmos der Farbe Blau und zugleich
in den tiefblauen, endlosen Kosmos. Auch hier findet man die Bewegung
des scheinbar Unbeweglichen - das Flirren, Schwingen und Schweben
des Lichts.
Wovon jeder Galerist träumt -hier ist es geglückt: Die
Kombination von Skulptur, Malerei und Architektur. Denn der Ausstellungsraum
mit seiner Weite, seinen klaren Formen, dem Licht, das durch gehängte
Milchglasquadrate von oben einströmt, und der Balustrade,
die den Raum in verschiedene Ebenen teilt, ohne ihm die Weite
zu nehmen, unterstützt die Wirkung der Kunstwerke, die hier
zu sehen sind. Alle Werke beider Künstler sind aus der Nähe
und aus der Ferne zu betrachten, sie befruchten einander, ohne
sich zu ähneln.
Günter Schareins "Schwebende Farbfelder" und Martin
Willings "Skulpturen gegen die Schwere" sind noch bis
zum 8. Mai in der Halle der "Stiftung für Konkrete Kunst
Roland Phleps", Freiburg-Zähringen, Pochgasse 73, zu
sehen; jeden Sonntag von 11.30 bis 13.30 Uhr und nach telefonischer
Vereinbarung: 0761/54121 oder 54161.
Der Eintritt ist kostenlos.

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